Alte Bekannte (3312 - 03)

Veröffentlicht am 21. März 2026 um 06:14

Zeitstempel: 3312 - March - 20/ 05:00AM / Multuring


Laureline öffnete die Augen in einem flimmernden Grau, das noch vom Nachtlicht der Station in ihrem Kopf nachschwang. Fünf Uhr morgens — zu früh, dennoch war sie wach, weil ein leises, metallisches Klacken sie aus dem schweren Schlaf gerissen hatte: ein Datenping an der Wand ihres Quartiers. Ihr Schädel pochte; am Abend zuvor hatte sie mit Jennifer Trace in der Bar von Multuring auf der großen Station zu tief ins Glas geschaut. Das Lachen von gestern wirkte jetzt wie ein ferner Film.

Auf dem Holo neben dem Bett blinkte eine Nachricht. Absender: Luther McKain. Laureline lächelte trotz des Schmerzes — sie und Luther waren schon lange befreundet. Seine Nachrichten waren selten verspielt, aber selten kalt; heute klang er nüchtern, ernst. Er schrieb, dass er einen Spezialauftrag habe, dass es um Angelegenheiten mit dem Imperium gehe und Sorgfalt oberstes Gebot sei. Keine Details, nur das Nötigste — und in der Kürze das Vertraute: er zählte auf sie.

Bei Erwähnung des Imperiums stieg ihr sofort eine Erinnerung auf, die sich seit der Etablierung des Zirkels of TabEwon in ihre Hirnwindungen gebrannt hatte. Es gab nur eine Sache, an die sie sich wirklich erinnerte: die Sache mit den Wu Chelki. Die war übel. Die Wu Chelki hatten damals die Pilger entführt — eine Geschichte, die niemand so schnell vergaß. Das Imperium hatte sich später mittels einer offiziellen Botschafterin entschuldigt. Dem Zirkel waren als Ausgleich zwei schwere Kreuzer überlassen worden, als Leihgabe des Imperiums, mit denen sie die Tak-Allawan ins Zirkelgebiet geschleppt hatten. All das lag wie ein dunkler Fleck in der politischen Erinnerung; einmal angestoßen, änderten solche Dinge die Regeln des Spiels.

Laureline setzte sich auf, die Lider schwer, die rauchige Stimme von Jennifer noch in den Ohren. Sie presste die Hand gegen die Stirn und sagte sich: „Du kümmerst dich darum.“ Nicht als Befehl, sondern als Versprechen — nicht nur an Luther, sondern an sich selbst. Sie kannte Luther, wusste, wo er sich hinter Professionalität versteckte, und kannte die seltenen Momente, in denen er völlig er selbst war. Heute klang er so, als bräuchte er vor allem Verlässlichkeit.

Luther hatte sie auf seinen Träger „Tower of TabEwon“ eingeladen. Keine Uhrzeit, doch der Ton sagte: bald. Sie wischte sich mit müden Fingern den Schlaf aus den Augen, schwang die Füße aus dem Bett; der kalte Boden biss in die Haut. Die Pflicht rüttelte lauter als der Kater.

Bevor sie ging, tippte sie ihm zurück: „Ich bin da. Pass auf dich auf.“ Nicht zu formell, nicht zu kurz — so, wie es unter Freunden üblich war. Dann zog sie die Stiefel an, schlang sich die Jacke über und verließ ihr Quartier. Draußen begann Multuring zu atmen, tausende Lichter zündeten sich an, Schiffe kreuzten wie metallene Vögel. Jennifers Lächeln zog noch an ihr vorbei, aber die Gewissheit, dass Luther sie rief und sie ihn nicht hängen lassen würde, war stärker. Heute würde nichts mehr so leicht sein wie gestern Nacht — doch sie würden das gemeinsam schaffen.

 

Laureline ging die Gänge entlang und fuhr mit dem Aufzug auf Höhe der Lobby. Die Korridore waren voll mit Menschen; ihr Kopf pochte bei jedem Schritt. Immer wieder schlich sich die Erinnerung an die Pilger von damals in ihren Gedanken — die entführten Pilger, die Entschuldigung des Imperiums, die Leihkreuzer. Der Piepser an ihrem Handgelenk meldete sich. Jennifer war dran.

 

„Laure? Bist du wach?“, flüsterte Jennifers Stimme, noch rau von Alkohol.

Laureline schloss für einen Moment die Augen, zwang ein Lächeln in die Stimme. „Mhm. Bin unterwegs. Kopf noch im Katermodus.“

„Ugh, klingt dramatisch. Ich bin auch noch nicht im Bett. Habe die Nacht mit ein paar Jungs durchgemacht — total chaotisch. Du schuldest mir morgen Frühstück, klar?“

„Du konntest nicht mal nach Hause schwanken?“, fragte Laureline und spürte, wie ihr die Frage leichter fiel als alles andere.

„Konnte ich. Wollte ich nicht. War zu lustig. Aber hey — erzähl lieber, was bei dir los ist. Du klingst komisch.“

Laureline atmete langsam. Der Aufzug stoppte, Menschen stiegen aus, eine Welle von Stimmen schob sich vorbei. „Luther hat mich gerufen. Spezialauftrag. Imperium. Du kennst das Gefühl, wenn jemand nur ‚Sorgfalt‘ schreibt und alles andere unausgesprochen bleibt?“

„Klingt nicht gut. Du pass auf dich auf, Laury. Ruf, wenn du angekommen bist — ich mach mir sonst Sorgen.“ Jennifers Ton wurde ernster, obwohl noch Erschöpfung mitschwang.

„Mach ich“, sagte Laureline. „Versprochen. Und Jenn? Schlaf irgendwann, ja? Du klingst nicht wie jemand, der morgen funktionsfähig sein will.“

„Ich hör auf dich — irgendwann. Und Frühstück am nächsten Zyklus, nicht verhandelbar.“ Ein kurzes, schläfriges Lachen. „Sag ihm Gruß oder verschon ihn, je nachdem.“

„Ich richte’s aus.“ Laureline beendete das Gespräch, ließ Jennifers letzten Seufzer in der Leitung verklingen und steckte den Piepser wieder unter die Manschette. Sie hatte das Gefühl, jemand hatte ihr noch einen halben Schlafsack abgenommen — nicht viel, aber genug. Nachdem sie einige Händler und andere wirre Personen passiert hatte, erreichte sie endlich den Hangar.

Luther stand nachdenklich hinter dem Schreibtisch in seinem Commander-Abteil auf der Tower of TabEwon. Die Wände wirkten enger als sonst, als würden sich die Paneele langsam auf ihn zubewegen. Die Nachricht nagte an ihm; etwas stimmte nicht — es konnte eine Falle sein. Warum gerade jetzt? Warum über diese Kanäle, mit dieser vagen Dringlichkeit? Ihm missfiel alles daran, von der Wortwahl bis zur Uhrzeit.

Der Abt des Zirkels war derweil damit beschäftigt, seine religiösen Ausrichtungen und die Möglichkeiten der Astralreisen mittels des neuen Genoms auszuloten. Sitzungen, Rituale, theoretische Vorträge — ein ganzer Hofstaat aus Beratern, Adepten und Wissbegierigen. Luther hingegen war in den letzten Wochen immer häufiger nur noch derjenige gewesen, der „später informiert“ wurde. Er fühlte sich ein wenig an den Rand gedrängt, als sei er von der Brücke in einen Beobachterposten versetzt worden. Ausgerechnet jetzt diese Meldung. Ausgerechnet jetzt, wo jeder Blick des Abtes auf inwendige Welten gerichtet war und kaum jemand die äußeren Gefahren im Blick hatte.

Vielleicht sollte er ValTek zu Rate ziehen, überlegte er. Egal, wie tief der Abt gerade in religiöse oder metaphysische Angelegenheiten verstrickt war — auf seinen Freund ValTek konnte er sich verlassen. ValTek hatte dieses Talent, aus chaotischen Informationen eine Linie zu ziehen, wo andere nur Rauschen sahen. Aber bevor er ValTek hineinziehen konnte, musste er einen klaren Kopf bekommen. Und das hieß vor allem: an Laureline denken, an das Team, das er in diese Ungewissheit schicken würde.

Er schritt zum großen Fenster und starrte lange in die Leere des Raums und die gestaffelten Andocklichter der umliegenden Schiffe. Draußen zog eine Staffel Sicherheitspatrouillen lautlos an der Außenhülle vorbei, die blauen Positionslichter glitten wie ein stummer Konvoi über die Panoramascheibe. Die Schiffe wirkten klein vor der Weite, aber diszipliniert, jede Bewegung eingeübt. Normalerweise beruhigte ihn dieser Anblick: Ordnung, Struktur, Systeme, die funktionierten. Heute erinnerte er ihn nur daran, wie wenig Kontrolle er wirklich hatte.

Er schlief seit Tagen schlecht; seine Gedanken kreisten unablässig um die letzten Ereignisse. Selbst wenn er die Augen schloss, sah er wieder die verzerrten Sterne des Drymans Rift, die flackernden Sensoranzeigen, das unheimliche Schweigen im Funk, kurz bevor sie auf die ersten Anomalien gestoßen waren. Auch wenn sie sicher wieder aus dem Drymans Rift nach Hause gekommen waren — äußerlich unversehrt, die Schiffe intakt, die Crew vollständig —, das, was sie dort herausgefunden hatten, ließ ihn nicht los. Es machte ihm Angst, eine kalte, nüchterne Angst, die man nicht mit Mut oder Routine wegdrücken konnte.

Dinge, die nicht hätten existieren dürfen. Signaturen, die in keinem bekannten Register auftauchten. Fragmente von Daten, die mehr Fragen aufwarfen, als sie beantworteten. Und diese hartnäckige, mathematisch saubere Andeutung, dass jemand oder etwas längst vor ihnen im Rift gewesen war. Wenn die Nachricht, die er nun erhalten hatte, von Substanz war, wenn sie wirklich in Zusammenhang mit dem stand, was sie im Drymans Rift angerissen hatten, dann konnte das vieles verändern: die Stellung des Zirkels, das Verhältnis zum Imperium, die Sicherheit der Grenzsektoren — vielleicht sogar die Grundlagen dessen, woran der Abt gerade so fanatisch glaubte.

Luther atmete tief durch, spürte, wie sich seine Schultern unter der Uniform kurz anspannten. Laureline war zuverlässig, kompetent — er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie hatte im Rift kühlen Kopf bewahrt, dort, wo andere innerlich schon den Rückzug angetreten hatten. Trotzdem nagte die Unsicherheit an ihm: Vielleicht sollte sie nicht allein dorthin. Vielleicht brauchte sie einen zweiten Blick, jemanden, der unabhängig von ihr Entscheidungen treffen konnte, falls es schlimmer wurde, als es die Nachricht ahnen ließ. Er blieb noch einen Moment am Fenster stehen, beobachtete, wie die Patrouillen in der Ferne abbogen, und wusste, dass er sich bald entscheiden musste.

[to be continued] 


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