Alte Bekannte (3312 - 03)

Veröffentlicht am 21. März 2026 um 06:14

Zeitstempel: 3312 - March - 20/ 05:00AM / Multuring


Laureline öffnete die Augen in einem flimmernden Grau, das noch vom Nachtlicht der Station in ihrem Kopf nachschwang. Fünf Uhr morgens — zu früh, dennoch war sie wach, weil ein leises, metallisches Klacken sie aus dem schweren Schlaf gerissen hatte: ein Datenping an der Wand ihres Quartiers. Ihr Schädel pochte; am Abend zuvor hatte sie mit Jennifer Trace in der Bar von Multuring auf der großen Station zu tief ins Glas geschaut. Das Lachen von gestern wirkte jetzt wie ein ferner Film.

Auf dem Holo neben dem Bett blinkte eine Nachricht. Absender: Luther McKain. Laureline lächelte trotz des Schmerzes — sie und Luther waren schon lange befreundet. Seine Nachrichten waren selten verspielt, aber selten kalt; heute klang er nüchtern, ernst. Er schrieb, dass er einen Spezialauftrag habe, dass es um Angelegenheiten mit dem Imperium gehe und Sorgfalt oberstes Gebot sei. Keine Details, nur das Nötigste — und in der Kürze das Vertraute: er zählte auf sie.

Bei Erwähnung des Imperiums stieg ihr sofort eine Erinnerung auf, die sich seit der Etablierung des Zirkels of TabEwon in ihre Hirnwindungen gebrannt hatte. Es gab nur eine Sache, an die sie sich wirklich erinnerte: die Sache mit den Wu Chelki. Die war übel. Die Wu Chelki hatten damals die Pilger entführt — eine Geschichte, die niemand so schnell vergaß. Das Imperium hatte sich später mittels einer offiziellen Botschafterin entschuldigt. Dem Zirkel waren als Ausgleich zwei schwere Kreuzer überlassen worden, als Leihgabe des Imperiums, mit denen sie die Tak-Allawan ins Zirkelgebiet geschleppt hatten. All das lag wie ein dunkler Fleck in der politischen Erinnerung; einmal angestoßen, änderten solche Dinge die Regeln des Spiels.

Laureline setzte sich auf, die Lider schwer, die rauchige Stimme von Jennifer noch in den Ohren. Sie presste die Hand gegen die Stirn und sagte sich: „Du kümmerst dich darum.“ Nicht als Befehl, sondern als Versprechen — nicht nur an Luther, sondern an sich selbst. Sie kannte Luther, wusste, wo er sich hinter Professionalität versteckte, und kannte die seltenen Momente, in denen er völlig er selbst war. Heute klang er so, als bräuchte er vor allem Verlässlichkeit.

Luther hatte sie auf seinen Träger „Tower of TabEwon“ eingeladen. Keine Uhrzeit, doch der Ton sagte: bald. Sie wischte sich mit müden Fingern den Schlaf aus den Augen, schwang die Füße aus dem Bett; der kalte Boden biss in die Haut. Die Pflicht rüttelte lauter als der Kater.

Bevor sie ging, tippte sie ihm zurück: „Ich bin da. Pass auf dich auf.“ Nicht zu formell, nicht zu kurz — so, wie es unter Freunden üblich war. Dann zog sie die Stiefel an, schlang sich die Jacke über und verließ ihr Quartier. Draußen begann Multuring zu atmen, tausende Lichter zündeten sich an, Schiffe kreuzten wie metallene Vögel. Jennifers Lächeln zog noch an ihr vorbei, aber die Gewissheit, dass Luther sie rief und sie ihn nicht hängen lassen würde, war stärker. Heute würde nichts mehr so leicht sein wie gestern Nacht — doch sie würden das gemeinsam schaffen.

 

Laureline ging die Gänge entlang und fuhr mit dem Aufzug auf Höhe der Lobby. Die Korridore waren voll mit Menschen; ihr Kopf pochte bei jedem Schritt. Immer wieder schlich sich die Erinnerung an die Pilger von damals in ihren Gedanken — die entführten Pilger, die Entschuldigung des Imperiums, die Leihkreuzer. Der Piepser an ihrem Handgelenk meldete sich. Jennifer war dran.

 

„Laure? Bist du wach?“, flüsterte Jennifers Stimme, noch rau von Alkohol.

Laureline schloss für einen Moment die Augen, zwang ein Lächeln in die Stimme. „Mhm. Bin unterwegs. Kopf noch im Katermodus.“

„Ugh, klingt dramatisch. Ich bin auch noch nicht im Bett. Habe die Nacht mit ein paar Jungs durchgemacht — total chaotisch. Du schuldest mir morgen Frühstück, klar?“

„Du konntest nicht mal nach Hause schwanken?“, fragte Laureline und spürte, wie ihr die Frage leichter fiel als alles andere.

„Konnte ich. Wollte ich nicht. War zu lustig. Aber hey — erzähl lieber, was bei dir los ist. Du klingst komisch.“

Laureline atmete langsam. Der Aufzug stoppte, Menschen stiegen aus, eine Welle von Stimmen schob sich vorbei. „Luther hat mich gerufen. Spezialauftrag. Imperium. Du kennst das Gefühl, wenn jemand nur ‚Sorgfalt‘ schreibt und alles andere unausgesprochen bleibt?“

„Klingt nicht gut. Du pass auf dich auf, Laury. Ruf, wenn du angekommen bist — ich mach mir sonst Sorgen.“ Jennifers Ton wurde ernster, obwohl noch Erschöpfung mitschwang.

„Mach ich“, sagte Laureline. „Versprochen. Und Jenn? Schlaf irgendwann, ja? Du klingst nicht wie jemand, der morgen funktionsfähig sein will.“

„Ich hör auf dich — irgendwann. Und Frühstück am nächsten Zyklus, nicht verhandelbar.“ Ein kurzes, schläfriges Lachen. „Sag ihm Gruß oder verschon ihn, je nachdem.“

„Ich richte’s aus.“ Laureline beendete das Gespräch, ließ Jennifers letzten Seufzer in der Leitung verklingen und steckte den Piepser wieder unter die Manschette. Sie hatte das Gefühl, jemand hatte ihr noch einen halben Schlafsack abgenommen — nicht viel, aber genug. Nachdem sie einige Händler und andere wirre Personen passiert hatte, erreichte sie endlich den Hangar.

Luther stand nachdenklich hinter dem Schreibtisch in seinem Commander-Abteil auf der Tower of TabEwon. Die Wände wirkten enger als sonst, als würden sich die Paneele langsam auf ihn zubewegen. Die Nachricht nagte an ihm; etwas stimmte nicht — es konnte eine Falle sein. Warum gerade jetzt? Warum über diese Kanäle, mit dieser vagen Dringlichkeit? Ihm missfiel alles daran, von der Wortwahl bis zur Uhrzeit.

Der Abt des Zirkels war derweil damit beschäftigt, seine religiösen Ausrichtungen und die Möglichkeiten der Astralreisen mittels des neuen Genoms auszuloten. Sitzungen, Rituale, theoretische Vorträge — ein ganzer Hofstaat aus Beratern, Adepten und Wissbegierigen. Luther hingegen war in den letzten Wochen immer häufiger nur noch derjenige gewesen, der „später informiert“ wurde. Er fühlte sich ein wenig an den Rand gedrängt, als sei er von der Brücke in einen Beobachterposten versetzt worden. Ausgerechnet jetzt diese Meldung. Ausgerechnet jetzt, wo jeder Blick des Abtes auf inwendige Welten gerichtet war und kaum jemand die äußeren Gefahren im Blick hatte.

Vielleicht sollte er ValTek zu Rate ziehen, überlegte er. Egal, wie tief der Abt gerade in religiöse oder metaphysische Angelegenheiten verstrickt war — auf seinen Freund ValTek konnte er sich verlassen. ValTek hatte dieses Talent, aus chaotischen Informationen eine Linie zu ziehen, wo andere nur Rauschen sahen. Aber bevor er ValTek hineinziehen konnte, musste er einen klaren Kopf bekommen. Und das hieß vor allem: an Laureline denken, an das Team, das er in diese Ungewissheit schicken würde.

Er schritt zum großen Fenster und starrte lange in die Leere des Raums und die gestaffelten Andocklichter der umliegenden Schiffe. Draußen zog eine Staffel Sicherheitspatrouillen lautlos an der Außenhülle vorbei, die blauen Positionslichter glitten wie ein stummer Konvoi über die Panoramascheibe. Die Schiffe wirkten klein vor der Weite, aber diszipliniert, jede Bewegung eingeübt. Normalerweise beruhigte ihn dieser Anblick: Ordnung, Struktur, Systeme, die funktionierten. Heute erinnerte er ihn nur daran, wie wenig Kontrolle er wirklich hatte.

Er schlief seit Tagen schlecht; seine Gedanken kreisten unablässig um die letzten Ereignisse. Selbst wenn er die Augen schloss, sah er wieder die verzerrten Sterne des Drymans Rift, die flackernden Sensoranzeigen, das unheimliche Schweigen im Funk, kurz bevor sie auf die ersten Anomalien gestoßen waren. Auch wenn sie sicher wieder aus dem Drymans Rift nach Hause gekommen waren — äußerlich unversehrt, die Schiffe intakt, die Crew vollständig —, das, was sie dort herausgefunden hatten, ließ ihn nicht los. Es machte ihm Angst, eine kalte, nüchterne Angst, die man nicht mit Mut oder Routine wegdrücken konnte.

Dinge, die nicht hätten existieren dürfen. Signaturen, die in keinem bekannten Register auftauchten. Fragmente von Daten, die mehr Fragen aufwarfen, als sie beantworteten. Und diese hartnäckige, mathematisch saubere Andeutung, dass jemand oder etwas längst vor ihnen im Rift gewesen war. Wenn die Nachricht, die er nun erhalten hatte, von Substanz war, wenn sie wirklich in Zusammenhang mit dem stand, was sie im Drymans Rift angerissen hatten, dann konnte das vieles verändern: die Stellung des Zirkels, das Verhältnis zum Imperium, die Sicherheit der Grenzsektoren — vielleicht sogar die Grundlagen dessen, woran der Abt gerade so fanatisch glaubte.

Luther atmete tief durch, spürte, wie sich seine Schultern unter der Uniform kurz anspannten. Laureline war zuverlässig, kompetent — er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie hatte im Rift kühlen Kopf bewahrt, dort, wo andere innerlich schon den Rückzug angetreten hatten. Trotzdem nagte die Unsicherheit an ihm: Vielleicht sollte sie nicht allein dorthin. Vielleicht brauchte sie einen zweiten Blick, jemanden, der unabhängig von ihr Entscheidungen treffen konnte, falls es schlimmer wurde, als es die Nachricht ahnen ließ. Er blieb noch einen Moment am Fenster stehen, beobachtete, wie die Patrouillen in der Ferne abbogen, und wusste, dass er sich bald entscheiden musste.

ValTek betrat die Brücke seiner Panther Clipper. Das große Schiff lag im ruhigen Orbit eines Gasriesen, eingerahmt von einem breiten Gürtel aus Asteroiden. Eigentlich hatte er nur ein bisschen Bromelite sammeln wollen, doch wie so oft war das Mining eskaliert: Scannerkalibrierungen, neue Spots, ein vielversprechender Fels nach dem anderen. So zog die Clipper nun schon seit Tagen ihre Kreise durch das Geröllfeld, als wäre sie Teil eines endlosen, funkelnden Karussells.

Er lehnte sich an die Lehne seines Commandersitzes, beobachtete die automatisierten Drohnen, wie sie zwischen den Felsen huschten, und dachte darüber nach, ob er nicht einfach den Rest der Schicht durchlaufen lassen sollte. In diesem Moment piepste der Nachrichtenempfänger. Ein direkter Kanal, vorrangig. Er warf einen Blick auf die Kennung: Luther.

ValTek öffnete die Verbindung. Luther fasste sich kurz, wie immer, wenn die Situation ihm ernster erschien, als er zugeben wollte. Er erklärte knapp die Problematik mit der empfangenen Nachricht, erwähnte das Imperium, den möglichen Zusammenhang zu den Ereignissen im Drymans Rift und die Unklarheit, ob es eine Falle sein könnte. ValTek hörte schweigend zu, nur die Finger trommelten leicht gegen die Lehne.

„Verstanden“, sagte er schließlich und nickte, als Luther endete. „Ich mache mich auf den Weg. Halt mir einen Platz frei.“

Wenig später löste sich die Panther Clipper aus dem Asteroidenfeld, die Miningsysteme fuhren nacheinander herunter, der Frame-Shift-Antrieb spannte sich wie ein Muskel an. Sprung für Sprung verkürzte sich die Distanz, bis Luthers Träger vor ihm im Raum stand: die Tower of TabEwon, ein massiver Körper aus Metall und Projektionen, von Andocklichtern und Navigationsbaken umspielt.

ValTek erhielt die Landeerlaubnis, schob die Clipper in einen weiten Anflugbogen und setzte sie schließlich sauber auf der ausgewiesenen Landefläche auf. Hydraulik zischte, die Triebwerke fielen in den Standby, der Rumpf vibrierte noch einen Augenblick nach.

Luther wartete bereits am Aufzug, als ValTek aus der Luftschleuse trat. Sie wechselten einen kurzen, wortlosen Blick, in dem sich Vertrautheit und die unausgesprochene Schwere der Lage mischten. Ohne Umschweife betraten sie gemeinsam den Lift. Türen glitten zu, ein leises Rucken, dann glitten sie aufwärts. Sie verließen den Aufzug und gingen die Gänge hinunter zum Aussichtsdeck, Schritt an Schritt, während draußen die Konturen des Raums an den Sichtstreifen der Wände vorbeizogen.

Die beiden Männer schritten zunächst schweigend die Gänge entlang zum Kommandodeck. Ihre Schritte hallten gedämpft über den Boden, begleitet vom fernen Summen der Systeme und dem gelegentlichen Vibrieren eines startenden Shuttles irgendwo unter ihnen. ValTek warf Luther einen Seitenblick zu, sagte aber nichts; er kannte diesen Gesichtsausdruck. Wenn Luther schwieg, sortierte er.

Erst, als sich die Türen zum inneren Korridor des Kommandodecks vor ihnen öffneten, durchbrach Luther die Stille. „Es geht um eine anonyme Nachricht“, begann er ohne Umschweife. „Kein offizieller Kanal, verschlüsselt, mehrschichtig geroutet. Jemand, der weiß, was er tut.“

ValTek hob eine Augenbraue. „Inhalt?“

Luther atmete einmal tief durch. „Ein Insider berichtet von einem geborgenen Artefakt. Gefunden nahe der gesperrten Sektoren um HIP 22460. Angeblich wurde es aus einer Trümmerzone geschleppt, kurz hinter der offiziellen Sperrlinie.“

ValTek blieb kurz stehen. „Und wo ist es jetzt?“

„Offensichtlich in den Händen des Imperiums“, sagte Luther leise, „oder zumindest bei Gruppen, die dem Imperium sehr nahestehen. Noch ist es nicht entschlüsselt — das behauptet mein Kontakt zumindest.“ Er setzte sich wieder in Bewegung, langsamer nun. „Aber die Beschreibung, die Bruchstücke, die technischen Parameter, die erwähnt werden…“

„Klingt nach mehr als Schrott“, ergänzte ValTek.

„Es klingt nach Guardian-Technologie“, fuhr Luther fort, „und zwar nach etwas, das dem sehr ähnlich ist, was wir im Drymans Rift erlebt haben.“ Er verzog unwillkürlich das Gesicht, als würde allein die Erinnerung einen Druck hinter seinen Augen auslösen. „Wenn so etwas in die Hände von Menschen fällt, ohne dass wir wissen, wer wirklich Zugriff hat, könnte das massive Auswirkungen haben. Militärisch, politisch… und darüber hinaus.“

ValTek schwieg einen Moment, dachte nach. „Warum hast du den Abt noch nicht einbezogen? Das ist doch genau die Art Thema, bei der er sich sonst vordrängelt.“

Luther blieb vor einer Schleuse stehen, blickte auf das blinkende Panel, als müsste er sich erst daran erinnern, es zu öffnen. „Weil mein Kontakt ausdrücklich verlangt hat, dass wir das vertraulich behandeln“, sagte er schließlich. „Keine offiziellen Kanäle, kein Rat, kein Abt. Nur direkte, persönliche Ebenen. Wenn ich den Abt einweihe, weiß in zwei Stunden der halbe Zirkel Bescheid — und in drei das Imperium.“

Die Türen zum Kommandodeck glitten auf, gaben den Blick auf Arbeitsstationen und das große Sichtfeld zum Raum frei. Luther trat einen Schritt hinein, blieb dann wieder stehen und wandte sich zu ValTek um.

„Ich möchte Laureline schicken“, sagte er ruhig. „Sie kennt die Zusammenhänge, sie war im Rift dabei, sie kann leise fragen, wo andere Lärm machen würden. Und mein Kontakt hat ihr gegenüber keine Vorbehalte.“

ValTek nahm sich Zeit mit seiner Antwort. Er ließ den Blick kurz über die Anzeigen schweifen, als könnte er dort eine zweite Meinung finden. Schließlich nickte er langsam. „Vorsichtig ja“, sagte er. „Sie ist die richtige Wahl, das wissen wir beide. Aber wir lassen sie nicht ohne Rückfallebene gehen. Kein Alleingang, nicht diesmal.“

Ein Schatten von Erleichterung huschte über Luthers Gesicht. „Darauf wollte ich hinaus“, murmelte er und trat nun endgültig auf das Kommandodeck hinaus.

Laureline setzte die Corsair härter auf der Landefläche auf, als sie beabsichtigt hatte. Das Fahrwerk stauchte sich, Hydraulik fauchte, und ein dumpfer Schlag vibrierte durch den Rumpf. Kaum hatten die Triebwerke auf Standby heruntergefahren, senkte sich die Plattform, auf der das Schiff stand, in den Bauch der Tower of TabEwon hinab. Metallstreben glitten vorbei, Warnlichter warfen rotgelbe Schlieren über die Hülle der Corsair, bis der Hangar sich wie eine geöffnete Metallblüte um sie auftat.

Laureline löste die Gurte, schulterte ihre Tasche und öffnete die Einstiegsluke. Der Geruch von recycelter Hangarluft, Schmierstoffen und leicht ozonhaltiger Kühlung schlug ihr entgegen. Unten wartete bereits Captain Philip Copeland, in der Uniform der Bordstaffel, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt.

„Willkommen auf der Tower, Laureline“, begrüßte er sie mit einem knappen, aber ehrlichen Lächeln.

„Danke, Phil“, erwiderte sie und reichte ihm im Vorbeigehen kurz die Hand. Keine Zeit für Smalltalk; der Ton in Luthers Nachricht hatte ihr klar gemacht, dass dies kein Routinebesuch war.

Sie ließ Copeland hinter sich und folgte den markierten Gängen zum Kommandodeck. Der Aufzug brachte sie in die oberen Sektionen, wo die Beleuchtung kühler und die Luft trockener wirkte. Wenig später trat sie auf das Kommandodeck, wo Luther und ValTek bereits an einer der zentralen Konsolen standen.

Luther drehte sich zu ihr um. „Gut, dass du so schnell da bist“, begann er. „Ich habe eine anonyme Nachricht bekommen. Die Quelle ist nicht direkt bestätigt, aber die Signaturen deuten stark auf imperialen Ursprung hin. Ich vermute eine Kontaktperson im Umfeld von Aisling Duval — sicher bin ich mir aber nicht.“

Laureline verschränkte die Arme. „Worum geht’s konkret?“

„Ein Artefakt“, sagte Luther. „Geborgen nahe der gesperrten Sektoren um HIP 22460.“

ValTek schaltete eine Projektionsfläche ein, auf der nur schematische Daten und verschleierte Kennungen zu sehen waren. „Man hat es noch nicht entschlüsselt“, erklärte er. „Aber nach allem, was wir an technischen Parametern haben, muss der Ursprung Guardian sein. Struktur, Energiesignatur, Muster im Materialaufbau — das passt zu dem, was wir kennen.“

Luthers Gesicht wurde härter. „Und du weißt, was das bedeutet. Wenn Technologie, die der ähnlich ist, was wir im Drymans Rift gefunden haben, unkontrolliert in Menschenhände fällt, könnte das massive Auswirkungen haben. Militärische Sprünge, Machtverschiebungen, vielleicht Dinge, die wir noch gar nicht einschätzen können.“

Laureline ließ den Blick zwischen den beiden Männern hin und her wandern. „Also… was genau ist die Mission?“

„Du sollst die Kontaktperson ausfindig machen“, sagte Luther. „Der Informant, der diese Nachricht durchgestochen hat, ist irgendwo im imperialen Umfeld verankert. Wir haben nur einen Anhaltspunkt, wo du überhaupt anfangen kannst: das System Synuefe NZ-V B48-3.“

ValTek fügte hinzu: „Mehr haben wir nicht. Keine Kennung, kein Name. Nur ein Hinweis darauf, dass dort der nächste Faden zu finden sein könnte. Aber: größte Vorsicht, Laureline. Wenn das Imperium wirklich ein Guardian-Artefakt in den Händen hält, dann wird es dort nicht nur Zivilverkehr geben.“

„Du gehst nicht allein“, schloss Luther. „Das ist keine Option.“

Laureline schwieg einen Moment, dachte nach. Namen zogen durch ihren Kopf, wurden verworfen. Dann sah sie kurz zu ValTek, dann zu Luther. „Jennifer“, sagte sie schließlich. „Ich schlage Jennifer vor.“

ValTek verzog skeptisch den Mund. „Jennifer Trace? Die ist eine Draufgängerin. Nicht gerade das, was ich mir unter ‚größter Vorsicht‘ vorstelle.“

„Sie ist eine Draufgängerin, ja“, entgegnete Laureline ruhig. „Aber sie kann leise sein, wenn es darauf ankommt. Und was ihre Reputation angeht, ist sie unauffällig. Keine großen Akten, keine formellen Bande, nichts, was sofort Alarm auslöst, wenn sie irgendwo ihre Nase reinsteckt.“

Luther dachte einen Moment nach, dann nickte er leicht. ValTek seufzte leise, aber es klang mehr nach Resignation als nach echtem Widerspruch.

„In Ordnung“, sagte er schließlich. „Jennifer. Aber du behältst sie eng an der Leine. Keine Alleingänge, keine spontanen Heldentaten.“

Laureline nickte. „Abgemacht.“

Luther blickte zwischen ihnen hin und her und bestätigte die Entscheidung mit einem knappen, entschlossenen Nicken. „Dann ist es so. Synuefe NZ-V B48-3. Ihr beiden fangt dort an — und wir halten hier alles bereit, falls es größer wird, als wir hoffen.“


Laureline verließ das Kommandodeck langsamer, als sie es sich vorgenommen hatte. Ihre Schritte hallten gedämpft durch die Gänge, während sie die Worte über Artefakte, Guardian-Technologie und das Drymans Rift in Gedanken noch einmal durchging. Beim Aufzug blieb sie kurz stehen, atmete tief durch und fuhr dann hinunter zum Hangar. Das Dröhnen eines startenden Shuttles vibrierte durch den Schacht, als die Türen sich wieder öffneten. Zwischen Wartungscrews, Lademechs und blinkenden Positionslichtern bahnte sie sich den Weg zurück zu ihrer Corsair.

 

Oben im Cockpit ließ sie sich in den Sitz sinken und aktivierte den Comms-Kanal. „Jennifer Trace“, murmelte sie, tippte die Kennung ein und wartete. Es dauerte einen Moment, dann erschien Jennifers leicht verschmiertes Gesicht im Holofeld, Haare zerzaust, Augen müde, aber wach genug, um zu grinsen.

 

„Laure? Schon wieder unterwegs?“, nuschelte sie. Im Hintergrund flackerte das Licht ihres Apartments. „Ich bin gerade erst heimgekommen. Die Nacht war… sagen wir interessant.“

„Das höre ich“, sagte Laureline trocken. „Klingst noch halb angetrunken.“

Jennifer lachte leise. „Nur ein bisschen. Was gibt’s? Du rufst nicht um diese Zeit an, nur um nach meinem Liebesleben zu fragen.“

Laureline lehnte sich zurück. „Ich hab einen Auftrag. Von Luther.“

Jennifer richtete sich etwas auf. „Ein Auftrag? Mit dir? Na, das klingt doch schon mal nach Spaß.“

„Nein“, unterbrach Laureline sie. „Kein Spaß. Ein seriöses Unterfangen. Kein Kampfeinsatz, keine Spielchen. Wir müssen leise bleiben, sauber arbeiten. Wenn du nur halb bei der Sache bist, bleibst du hier.“

Jennifer verzog das Gesicht. „Du weißt, dass du wirklich gut im Stimmungskillen bist, oder?“

„Ich meine es ernst, Jenn“, fuhr Laureline fort. „Wir haben es vermutlich mit Guardian-Technologie im imperialen Umfeld zu tun. Wir können uns keine Eskapaden leisten.“

Jennifer murrte, schnaubte einmal, dann seufzte sie. „Schon gut. Ich komm runter. Kein Saufen, kein Flirten, ordentlich denken. Zufrieden?“

„Fast“, sagte Laureline mit einem dünnen Lächeln. „Zieh dir auch was Vernünftiges an. Kein Lack und Leder bitte. Wir wollen nicht schon am Dockingport alle Blicke auf uns ziehen.“

Jennifer rollte sichtbar mit den Augen. „Du nimmst mir wirklich alles, was das Leben lebenswert macht. Aber gut. Konservativ. Seriös. Ich hab da noch Klamotten, die keine Reißverschlüsse im Quadratmeterformat haben.“

Sie machte eine kurze Pause, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Hör zu: Wir sollten eins meiner Schiffe nehmen. Die sind im imperialen Raum unbekannt. Du hast mit deinen Aktivitäten für den Piratenkönig genug Strafzettel gesammelt, die jedes Security-Board zum Blinken bringen.“

Laureline verzog das Gesicht. „Übertreib nicht.“

„Tu ich nicht“, entgegnete Jennifer. „Dein Transponder ist quasi eine Einladung zu neugierigen Fragen. Meine Schiffe sind sauber, was das Imperium angeht. Und ich hätte da genau das Richtige.“

Laureline zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Wenn ‚genau das Richtige‘ bei dir bedeutet, dass irgendwas glitzert, knallt oder heimlich Waffenslots in der Bordküche hat, bin ich raus.“

Jennifer grinste schief. „Vertrau mir mal ausnahmsweise. Dezent, schnell, nicht registriert in den falschen Datenbanken. Mehr sag ich dir, wenn du es siehst.“

Laureline schnaubte leise, aber sie wusste, dass Jennifer in solchen Dingen selten übertrieb. „In Ordnung. Wir machen es so.“

Sie blickte auf die Schiffsuhr. „Mittagszeit. System HIP 111384. Treffpunkt TabEwons Elysium Haven. Sei nüchtern, sei pünktlich.“

Jennifer salutierte übertrieben. „Nüchtern, pünktlich, anständig gekleidet. Wer bist du und was hast du mit meiner Laure gemacht?“

„Bis später, Jenn“, sagte Laureline und kappte die Verbindung, bevor Jennifer noch einen Spruch hinterherschieben konnte.

Allein im Cockpit, mit dem gedämpften Summen der Systeme im Hintergrund, blieb sie einen Moment sitzen, bis ihre Gedanken wieder klarer wurden. Dann begann sie, die Corsair für den nächsten Abflug vorzubereiten.

Wenige Tage zuvor…

Geraldine stand an der Frontscheibe der Kommandosektion und sah in das ruhige Schwarz vor dem Carrier. Hinter ihr lief alles in geordneter Routine: leise Statusmeldungen, das Summen der Systeme, vereinzelte Schritte auf Metall.
Ein einzelner Signalton durchschnitt die Stille.
Sie trat an die seitliche Konsole. Keine normale Nachricht. Nur eine verschlüsselte Prioritätskennung, alt, imperial, persönlich. Geraldine wurde sofort ernst und öffnete den Kanal.
Das Holofeld flackerte auf. Das Gesicht eines Mannes erschien, körnig und leicht verzerrt. Keine Paradeuniform, aber Rang und Haltung waren trotzdem eindeutig. Grau an den Schläfen, kontrollierter Blick, keine Spur von Höflichkeit oder Smalltalk.
„Das ist lange her“, sagte Geraldine.
„Zu lange“, erwiderte er.
Sie verschränkte die Arme. „Wenn du diesen Kanal benutzt, ist etwas gründlich schiefgelaufen.“
„Ich wäre nicht hier, wenn es einen anderen Weg gäbe.“
„Dann sag mir, worum es geht.“
Er zögerte. „Nicht über diesen Kanal.“
Geraldine verzog kaum merklich den Mund. „Du willst also ein Treffen.“
„Ja.“ „Hier?“
„Nein.“
„Bubble?“
„Nein. Weit draußen. Abseits der üblichen Routen.“

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[10:33]Freitag, 27. März 2026 10:33
Jetzt schwieg sie einen Moment. Dieser Mann hatte ihr vor langer Zeit geholfen, ohne etwas dafür zu verlangen. Gerade deshalb nahm sie den Anruf überhaupt noch an.
„Wie ernst ist es?“
„Ernst genug, dass ich nicht offiziell auftauchen kann. Und ernst genug, dass ich ausgerechnet dich kontaktiere.“
„Warum ich?“
„Weil du diskret bist. Und weil ich keinem Kurier traue.“
Das war keine Antwort, die ihr gefiel. Aber sie reichte.
„Wenn ich komme, dann allein“, sagte Geraldine.
„Genau so.“
Ein verschlüsseltes Datenpaket erschien auf ihrer Konsole. Koordinaten. Weit draußen.
Der Offizier sah sie einen Moment lang an. „Lass das in keinem Logbuch auftauchen.“
Dann brach die Verbindung ab.
Das Holofeld erlosch. Geraldine blieb kurz stehen, nahm das Paket entgegen und blickte noch einmal hinaus in die Dunkelheit vor dem Carrier.
Dann aktivierte sie den internen Kanal.
„Ist die Mandalay startklar?“, fragte sie.
Eine kurze Pause, dann kam die Bestätigung.
„Gut. Ich muss kurzfristig los.“

Laureline setzte die Corsair sanft auf der Landeplattform auf. Unter ihr schob sich die gewaltige Struktur der Station ins Blickfeld: eine riesige Dodekaeder-Konstruktion aus dunkelglänzendem Metall und transluzenten Feldern, jede Kante von Leitbahnen und Lichtern durchzogen. Wie ein geometrischer Koloss hing TabEwons Elysium Haven im schwarzen Meer, jede der zwölf Flächen übersät mit Andockkränzen, Frachtringen und trichterförmigen Einlässen. Schubdüsen, Kommunikationsantennen und Projektionsgitter gaben der Station das Aussehen eines lebenden Körpers, der atmete, funkte, reagierte.

Im Inneren wirkte Elysium Haven kaum weniger beeindruckend. Die Station war als großer Stützpunkt am Rand der neu kolonisierten Systeme gedacht gewesen, ein vorgeschobener Außenposten des Zirkels, um Handel, Forschung und Pilgerrouten zu bündeln. Inzwischen hatten sich hier zahllose Händler, Glücksritter und Umtreiber niedergelassen. Zwischen offiziellen Transferrampen und diplomatischen Sektoren blühten Grauzonen, Lagerhallen und improvisierte Märkte. Der Zirkel war dafür bekannt, den Dingen ihren Lauf zu lassen, solange sie nicht mit dem Ordensstatut kollidierten; alles andere fiel unter „tolerierte Eigeninitiative“.

Laureline verließ die Corsair und folgte den Wegmarkierungen in Richtung Zentrum der Station. Bald öffnete sich der Gang in das Atrium: eine hohe, halbrunde Halle mit begrünten Inseln, schwebenden Werbetafeln und einem ständigen Strom von Menschen, Service-Drohnen und kleinen Shuttles, die an Dockports ein- und ausklinkten.

Noch bevor sie sich ganz orientiert hatte, vibrierte der Piepser an ihrem Handgelenk. Jennifer meldete sich per Comms, ihre Stimme klang deutlich wacher als bei ihrem letzten Gespräch.

„Laure, ich bin schon da“, sagte sie. „Komm in den Hangarbereich H-3, du wirst mein Schiff nicht übersehen.“

Laureline seufzte leise, blickte ein letztes Mal durch das geschäftige Atrium und machte sich dann auf den Weg zu den Hangars.

Laureline bog um die letzte Kurve des Korridors und trat in den Hangar H-3. Zwischen zwei Frachtaufzügen stand sie: eine Orca, schlank und elegant, die Linien wie aus einem Guss, gebaut für Komfort und Stil. Unter normalen Umständen wäre sie das perfekte, unauffällige Passagierschiff gewesen – wenn Jennifer sie nicht in ein sattes, tiefes Lila hatte tauchen lassen, das im Hangarlicht schimmerte wie frisch polierter Nagellack. Dezente, aber eindeutig nicht standardkonforme Zierstreifen zogen sich über die Flanken. Das elegante Schiff hatte durch Jennifers Note einen Hauch von Anrüchigkeit bekommen, als gehöre es eher an einen luxuriösen, halbseidenen Vergnügungsdock als in einen neutralen Stützpunkt am Rand der Kolonien.

 

Davor lehnte Jennifer an einer der Landestützen und verschränkte die Arme. Zu Laurelines Erleichterung trug sie tatsächlich „normale“ Kleidung: eine schlichte, eng anliegende Jeans, dazu eine blaue Jeansjacke über einem weißen T‑Shirt, das gerade so ordentlich genug wirkte, um niemanden zu provozieren. Ihre schwarzen Stiefeletten mit Absatz klickten leise auf dem Metallboden, wenn sie sich bewegte. Die kurzen, kupferroten Haare lagen in einem fast brav wirkenden Schnitt an, der ihre hellen Augen und die klaren Gesichtszüge deutlich hervorhob – nur das spitzbübische Funkeln in ihrem Blick verriet, dass sie innerlich noch dieselbe Draufgängerin war wie immer.

 

„Das nennst du also ‚nicht auffallen‘?“, fragte Laureline, blieb vor der Orca stehen und musterte die lila Hülle mit skeptischem Blick.

Jennifer grinste breit. „Bitte. Im imperialen Raum fliegen zig Luxusschiffe rum. Eine Orca in einer hübschen Farbe ist das Unauffälligste, was ich im Angebot habe. Außerdem – elegant, seriös, zivil. Keine Waffenporträts auf der Hülle, keine Totenköpfe. Du solltest mir danken.“

„Die Farbe schreit ‚Guck mich an‘“, entgegnete Laureline. „Wenn wir Pech haben, machen uns schon die Dockarbeiter anhand der Lackierung wiedererkennbar.“

Jennifer hob eine Schulter. „Besser, sie merken sich das Schiff als ‚die lila Pauschalreise-Orca‘, als als deinen Piratenkönig-Frequent-Flyer mit Strafzettel-Abo. Das hier ist Touristenklasse mit Stil. Niemand fragt nach, solange wir uns benehmen.“

Laureline atmete durch und musste sich eingestehen, dass sie einen Punkt hatte. Zumindest war sie froh, dass Jennifer sich nicht wieder in Lack und Leder geworfen hatte, um „Eindruck zu machen“.

„Immerhin hast du dich an den Dresscode gehalten“, murmelte sie und nickte anerkennend auf Jeansjacke und Stiefeletten. „Ich hätte nicht gedacht, dass du Kleidung ohne Metallringe besitzt.“

„Die lagen ganz hinten im Schrank, kurz vor fossilem Alter“, gab Jennifer zurück. „Aber für dich hab ich sie ausgegraben. Also, Chefin, fällst du jetzt weiter über meinem exzellenten Geschmack her, oder wollen wir endlich los und die Galaxis retten?“

Laureline schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein kurzes Lächeln nicht verkneifen. „Schon gut. Bringen wir deine lila Lady in die Luft.“ 

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Einstiegsluke der Orca.

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