Einige Tage zuvor, auf einem namenlosen Gesteinsplaneten weit abseits der üblichen Verkehrsachsen.
Geraldine fand ihn auf einem kleinen, namenlosen Gesteinsplaneten weit abseits der üblichen Verkehrsachsen. Die Oberfläche war grau, karg und still, nur unterbrochen von flachen Kratern und scharfkantigen Felsrücken. In einer weiten Senke stand bereits das andere Schiff: eine kompakte imperiale Maschine ohne Kennung, ohne Wappen, ohne jeden offiziellen Hinweis.
Als Geraldine mit der Mandalay aufsetzte, wartete der Offizier schon neben der Schleuse. Aufrecht, reglos, grau an den Schläfen. Er wirkte älter als bei ihrer letzten Begegnung, aber nicht unsicher.
„Du bist gekommen“, sagte er.
Geraldine trat näher. „Du klangst nicht, als wäre das eine Bitte, die man lange liegen lässt.“
Mehr brauchten sie zur Begrüßung nicht.
Sie blieben ein paar Schritte voneinander entfernt stehen. Kein Handschlag, keine Höflichkeiten. Nur die stille Selbstverständlichkeit zweier Menschen, die einander nicht fremd waren und trotzdem nicht mehr viel miteinander zu tun hatten.
„Ich will deine Zeit nicht länger beanspruchen als nötig“, sagte er.
Geraldine nickte leicht. „Dann sag mir, worum es geht.“
Er zog ein kleines Datenmodul aus der Jacke. Mehrfach gesichert, sauber abgeschirmt.
„Du sollst eine Nachricht übermitteln“, sagte er. „An den Zirkel von Tab’Ewon.“
Der Name sagte Geraldine nichts. Zumindest nichts, das ihr sofort weiterhalf.
„Warum über mich?“
„Weil ich sie nicht selbst kontaktieren kann.“
Geraldine sah ihn ruhig an. „Und warum nicht?“
Er ließ sich einen Moment Zeit. „Es gab bereits einen Vorfall. Der Zirkel ist damals in Dinge geraten, die auf imperialer Seite nie offen behandelt werden sollten. Es gab genug Interesse daran, Spuren verschwinden zu lassen, statt die Sache sauber aufzuklären.“
Geraldine schwieg.
„Wenn jetzt wieder eine Nachricht mit erkennbarer Verbindung zum Imperium bei ihnen auftaucht, wird sie entweder abgefangen oder sofort falsch eingeordnet. Beides macht sie unbrauchbar, bevor sie überhaupt gelesen ist.“
Er reichte ihr das Modul. Geraldine nahm es, öffnete es aber nicht.
„Weiß ich, was ich da verschicke?“
„Nicht im Detail“, sagte er. „Nur so viel: Es geht um ein Artefakt, das nicht in die falschen Hände geraten darf. Und es darf keinerlei erkennbare Verbindung zum Imperium geben.“
„Wegen der Vorgeschichte.“
„Ja.“
Geraldine drehte das Modul einmal zwischen den Fingern. Es war leicht. Zu leicht für etwas, das ihn hierher geführt hatte.
„Wie soll die Übermittlung laufen?“
„Getrennt. Über verschiedene Kanäle. Mit Zeitversatz. Jeder Teil für sich wertlos.“
Sie nickte langsam und steckte das Modul ein. „Gut. Ich kümmere mich darum.“
Mehr wurde nicht gesagt. Wenig später hob die Mandalay wieder von der Oberfläche ab.
Zurück auf dem Carrier ließ Geraldine sich das Modul auf eine abgeschirmte Konsole legen. Sie öffnete nichts davon. Sie prüfte nur die Struktur, setzte die Fragmente auf getrennte Kanäle und schickte sie mit zeitlichem Abstand hinaus.
Erst als die letzte Bestätigung einging, lehnte sie sich minimal zurück.
Irgendwo jenseits ihres Systems würde sich diese Nachricht nun zusammensetzen.
Und damit war die Sache unterwegs.
Die Frauen begaben sich an Bord der Orca und kurz darauf löste sich das Schiff sanft von der Landeplattform. Die Triebwerke summten gedämpft, während Jennifer die Startformalitäten routiniert durchklickte. Elysium Haven schrumpfte im Sichtfeld, bis nur noch das facettierte Glitzern der Dodekaeder-Struktur im Schwarz hing, dann zog der Frame-Shift-Antrieb das Sternenfeld in lange, verzerrte Linien.
Der Flug nach Synuefe NZ-V B48-3 dauerte nur ein paar Stunden. Die meiste Zeit verbrachten sie im Halbdunkel der Passagiersektion, die Beleuchtung gedimmt, damit die Displays besser zu lesen waren. Jennifer nutzte die Gelegenheit anders.
„Also“, begann sie, die Beine über die Armlehne eines Sitzes geschlagen, „du hättest gestern Abend dabeisein sollen. Drei Jungs, zwei aus der Dockcrew, einer angeblich ‚freier Händler‘ – was immer das heißen soll. Der eine konnte kaum geradeaus gucken, aber tanzen wie ein Gott…“
Laureline scrollte wortlos durch die Missionsdaten und winkte nur ab. „Ich brauche keine Details.“
„Aber die Details sind der beste Teil“, protestierte Jennifer lachend und fuhr fort, eine ihrer Geschichten breit auszupinseln: verschüttete Drinks, spontane Tanzwettbewerbe, ein fragwürdiger Versuch, ein Holo-Autogramm von einem halbberühmten Piloten zu bekommen. Laureline ließ sie reden, steuerte nur gelegentlich ein trockenes „Mhm“ oder ein „Und du wunderst dich, warum du morgens aussiehst, als hättest du mit einer Luftschleuse diskutiert?“ ein.
Als der letzte Sprung sie ins Zielsystem warf, richtete sich Laureline im Sitz auf. Die Sternenkarte projizierte die Planetenbahnen und Stationen in miniaturnaher Darstellung in den Raum. Sie ging die Daten der Schiffssysteme durch: Verkehrsdichte, Energieemissionen, Sicherheitsmeldungen. Nichts sprang ihr als ungewöhnlich ins Auge. Kein Sperrgebiet, keine verstärkte Militärpräsenz, nur der übliche Mix aus Frachtern, Passagierschiffen und kleineren Privatvesseln.
„Sieht sauber aus“, murmelte sie. „Zumindest auf dem Papier.“
„Dann fangen wir mit dem Offensichtlichen an“, schlug Jennifer vor. „Größter Hafen, neutral genug, um nicht sofort die Aufmerksamkeit der Falschen zu wecken.“
Sie steuerten die Orca auf die größte Station im System zu: Geraldine Prime, eine massive Orbitalstation, deren ringförmige Docksektionen sich wie ein Gürtel um den zentralen Kern legten. Andockvektoren und Funkkanäle füllten die Anzeigen, während Kontrollstimmen sie in die Anflugschneise einreihten.
Jennifer flog die Orca mit der lässigen Routine einer Pilotin, die es gewohnt war, größere Schiffe ohne viel Drama zu landen. Sie setzte das Schiff sauber auf dem zugewiesenen Landepad auf, die Stoßdämpfer nahmen die letzte Bewegung auf, und die Triebwerke fuhren langsam herunter.
„So“, sagte sie, löste die Gurte und streckte sich. „Plan?“
Laureline stand auf, zog ihre Jacke glatt. „Wir teilen uns auf. Du kümmerst dich um eine Unterkunft – etwas Unauffälliges, keine Suite mit rot leuchtendem Schild vor der Tür. Ich sehe mich ein wenig um, hör mich um, was Imperialer Verkehr hier so treibt.“
Jennifer legte die Hand theatralisch aufs Herz. „Ich finde uns was Dezentes. Versprochen.“
„Bar in einer Stunde“, ergänzte Laureline. „Such dir eine, die nicht komplett nach abgestandener Schmugglerkneipe aussieht.“
Jennifer grinste. „Herausforderung angenommen. Eine Stunde, Bar deiner Wahl – oder meiner, wenn du zu lange brauchst.“
Sie verließen die Orca, traten durch die Schleuse in die Gedärme von Geraldine Prime, und trennten sich kurz darauf in der belebten Ankunftshalle: Jennifer Richtung Unterkunftsbüros und Info-Terminals, Laureline tiefer hinein in den Strom aus Reisenden, Crews und Stationpersonal, immer mit einem Ohr auf halbe Gespräche und einem Auge auf alles, was nach Imperium roch.
Die Nachricht war seit Tagen raus.
Seitdem hatte Geraldine gewartet, Informationen gesammelt und versucht, aus zu wenig verwertbaren Spuren ein halbwegs brauchbares Bild zu formen. Viel war dabei nicht zusammengekommen. Der Offizier hatte ihr nur das Nötigste gesagt – gerade genug, damit sie verstand, dass es um mehr ging als um einen diskreten Gefallen. Ein Artefakt. Eine alte Vorgeschichte mit imperialer Verwicklung. Und Empfänger, die er aus gutem Grund nicht selbst kontaktieren konnte.
Geraldine hatte die Nachricht übermittelt, wie vereinbart: aufgeteilt, zeitversetzt, über getrennte Kanäle. Seitdem war es still geblieben.
Still genug, dass sie angefangen hatte nachzuforschen.
Nicht offen. Nicht mit Namen oder direkten Fragen. Eher tastend, über Nebenspuren, alte Verweise, politische Nachwirkungen und Orte, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftauchten. Es reichte nicht für Gewissheit, aber für einen ersten Eindruck: Die Leute, für die die Nachricht bestimmt gewesen war, schienen kein opportunistischer Haufen zu sein. Eher das Gegenteil. Menschen, die unangenehm werden konnten, wenn man sie unterschätzte – und genau deshalb vielleicht die Richtigen für so etwas waren.
Vertrauenswürdig genug, um sie nicht sofort abzuschreiben.
Nicht vertrauenswürdig genug, um die Vorsicht fallen zu lassen.
Geraldine saß an einer Konsole in ihrem Arbeitsbereich, die Hände lose vor sich auf der Tischkante, während auf dem Display die letzten offenen Datensätze durchliefen. Wenig davon war eindeutig. Zu viele Lücken, zu viele halbe Zusammenhänge. Aber immerhin genug, um zu wissen, dass die Sache nicht mit dem Senden der Nachricht erledigt war.
Sie stand auf, trat an die Frontscheibe und sah hinaus auf Geraldine Prime. Die Station hing ruhig im Schwarz, ihre Dockringe von Lichtbändern umzogen, während Schiffe in geordneten Bahnen ein- und ausliefen. Von hier wirkte alles sauber, kontrolliert, beinahe still.
Das Signal an ihrem Armband unterbrach den Gedanken.
Geraldine hob den Arm und nahm den Kanal an. „Ja?“
„Meldung von Geraldine Prime“, sagte eine Stimme aus der Verkehrskoordination. „Vor wenigen Minuten ist eine Orca eingelaufen. Zivile Registrierung, unauffällig. Herkunftskette führt über Elysium Haven.“
Geraldine antwortete nicht sofort.
Elysium Haven war einer der wenigen Orte, die ihr in den letzten Tagen mehr als einmal begegnet waren. Nicht oft. Aber oft genug.
„Mehr?“, fragte sie.
„Zwei Personen an Bord, wahrscheinlich. Noch keine belastbare Zuordnung. Aber die Herkunft war auffällig genug, dass wir es weitergegeben haben.“
Geraldines Blick blieb auf der Station.
Eine Orca. Zwei Personen. Elysium Haven.
Vielleicht bedeutete es nichts. Vielleicht war es genau das, worauf die letzten Tage hinausgelaufen waren.
„Keine Kontaktaufnahme“, sagte sie. „Keine Nachfrage über Stationskanäle. Das bleibt vorerst intern.“
„Verstanden.“
Die Verbindung endete.
Geraldine blieb noch einen Moment an der Scheibe stehen. Unter ihr zog die Station stumm ihre Bahn, als wäre dort unten alles so gewöhnlich wie immer. Vielleicht war es das sogar. Vielleicht auch nicht.
Dann wandte sie sich ab.
Irgendwo im Regor-Sektor.
Die Finsternis des Raums glitt träge an den Panoramascheiben vorbei, gebrochen nur von vereinzelten, fahlen Sternenpunkten. Im Inneren der Kammer lag eine eigentümliche Stille, dicht wie ein Schleier. Nur das leise Summen verborgener Energieleitungen durchzog die Luft, als wäre der Raum selbst am Atmen.
Ein Mann, dessen Gesicht im Schatten blieb, stand inmitten dieses Halbdunkels. Die Konturen seiner Gestalt zeichneten sich nur schemenhaft gegen das matte Licht ab. In seinen Händen hielt er eine kubische Kiste, kaum größer als ein menschlicher Schädel. Die Oberfläche des Würfels war überzogen von feinen, eingelassenen Linien – Runen der Guardians, gewundene Glyphen, geometrische Muster, die in stummen Schleifen über die Flächen liefen.
Langsam drehte er den Kubus in den Händen, als würde er jede Kante, jede Vertiefung schon seit Jahrzehnten kennen und doch immer noch etwas Neues darin suchen. „Alles“, murmelte er, fast zärtlich. „Ich halte alles in den Händen, was die Menschen je wollten… und doch fehlt mir der Schlüssel.“ Seine Stimme war heiser, durchdrungen von einer gedämpften, unheimlichen Zufriedenheit. „Aber sie wird ihn zu mir bringen. Früher oder später.“
Er lachte. Ein tiefes, altes Lachen, das nicht zu einem einzelnen Leben zu gehören schien, sondern zu etwas, das viel länger existiert hatte. Es rollte dumpf durch den Raum, verlor sich in den Schatten.
Mit bedächtiger Geste stellte er den Kubus auf eine dafür vorgesehene Halterung in der Mitte der Kammer – ein ringförmiges Gestell aus dunklem Metall, in das die Kanten des Artefakts exakt einrasteten. Einen Moment lang geschah nichts.
Dann begannen die Runen aufzuleuchten.
Erst schimmerte nur eine einzelne Linie auf, dann eine zweite, dann ein ganzes Netz aus Symbolen, das wie flüssiges Licht über die Flächen kroch. Ein kaltes, bläulich-weißes Glimmen füllte den Raum, schnitt scharfe Konturen in die Dunkelheit. Zwischen den Runen flammten Formen auf: Diagramme, Fraktale, sich selbst verschachtelnde Muster. Ein mathematisches Geflecht flimmerte in die Finsternis hinaus, als würde der Kubus seine Gedanken in die Welt projizieren.
Lange vergessene Gleichungen – älter als alle bekannten Menscheitsformeln, fremd und doch erschreckend präzise – entfalteten sich wie ein leuchtender, logischer Organismus. Zahlenreihen, die nirgendwo endeten. Strukturen, die jenseits der bekannten Physik lagen.
Der Mann wandte sich ab und verließ schweigend den Raum. Die Tür glitt hinter ihm zu. Zurück blieb nur das Artefakt, dessen Runen immer heller brannten, während das uralte, mathematische Muster unablässig durch das Dunkel pulsierte.
Laureline machte sich auf den Weg zur größten Bar im vorderen Bereich des Atriums. Der breite Korridor öffnete sich zu einer Galerie mit hohen Sichtfenstern, hinter denen der Verkehr von Geraldine Prime vorbeizog. Schiffe lösten sich von den Andockarmen, drehten schwerfällig in den Raum hinaus oder glitten in präzisen Manövern auf die Landeplätze zu. Ein stetiger Strom aus Lichtspuren, Schubflammen und Navigationsblitzen.
Laureline machte sich auf den Weg zur größten Bar im vorderen Bereich des Atriums. Der breite Korridor öffnete sich zu einer Galerie mit hohen Sichtfenstern, hinter denen der Verkehr von Geraldine Prime vorbeizog. Schiffe lösten sich von den Andockarmen, drehten schwerfällig in den Raum hinaus oder glitten in präzisen Manövern auf die Landeplätze zu. Ein stetiger Strom aus Lichtspuren, Schubflammen und Navigationsblitzen.
Die Bar lag halb offen zum Atrium hin, ein geschwungener Tresen, dahinter eine Wand aus Flaschen, Displays und holoanimierten Logos. Sie suchte sich einen Platz nahe der Sichtscheibe, von wo aus sie den startenden und landenden Schiffen zusehen konnte. Das Murmeln der Gäste, das Klirren von Gläsern und leise Musik bildeten einen Hintergrund, der sie fast abschirmte und gleichzeitig alles an sie herantrug.
Ihre Gedanken glitten unweigerlich zurück zu den vergangenen Monaten. Seit sie das Portal im Drymans Rift geschlossen hatten, war viel geschehen. Der Zirkel hatte neue Welten kolonisiert, und sie selbst hatte dafür Pate gestanden, als Systemarchitektin Vektoren berechnet, Versorgungsnetze geplant, Lebensräume entworfen. Ganze Kolonien trugen Entscheidungen in sich, die sie mit vorbereitet hatte. Es hätte genug sein müssen, um jeden voll auszulasten.
Dennoch war da dieser Ruf nach mehr.
Ihre Vergangenheit – der ermordete Vater, die brennende Leere, die danach geblieben war – lag weit hinter ihr. Jahre der Arbeit, der Aufträge, der Loyalitäten hatten die schärfsten Kanten abgeschliffen. Aber tief in ihr rumorte noch etwas. Es regte sich immer dann, wenn sie im Auftrag der Schattenaugen unterwegs war, in Grenzbereichen des Zirkels, wo Informationen, Geheimnisse und Gefahren ineinandergriffen. In diesen Momenten spürte sie ihn am deutlichsten: diesen Ziehen, dieses Gefühl, dass noch etwas dahinter lag, größer, älter, dunkler. Mehr als nur Politik und Kolonisation.
Die Bar war gut gefüllt. Allerhand Händler, Söldner, Stationspersonal und Durchreisende gingen ein und aus. Stimmen in verschiedensten Sprachen, kurze, abgehakte Verhandlungen, das gedämpfte Lachen von Leuten, die ihre Sorgen für ein paar Stunden an die Garderobe gehängt hatten.
Laureline aktivierte ihr Pad und begann, nach Informationen zu „Geraldine“ zu suchen – der Person, die offenbar diese Station und dieses System orchestrierte. Offizielle Registereinträge, Handelsdaten, Verkehrsknoten: ja. Aber sobald sie tiefer blicken wollte, wurde es dünn. Veraltete, widersprüchliche Angaben, gesperrte Dossiers, leere Platzhalter, wo sie Biografie oder Zugehörigkeiten erwartet hätte. Vieles war schlicht nicht einsehbar, als wäre jemand mit Bedacht durch die Spur gelaufen und hätte alles weggewischt, was zu persönlich werden konnte.
Ein Kellner trat an ihren Tisch, stellte ihr wortlos einen Drink hin – bernsteinfarben, mit einem Hauch von Rauch und Zitrus in der Luft. Sie nickte knapp zum Dank, nahm einen vorsichtigen Schluck und ließ den Blick erneut zu den Schiffen draußen wandern.
Nachdenklich saß sie dort, zwischen dem gedämpften Treiben der Bar und dem ständigen Kommen und Gehen der Schiffe, und wartete auf Jennifer – und auf das, was diese Mission aus einem weiteren Routineauftrag machen könnte.
Geraldine blieb noch einen Moment an der Scheibe stehen, den Blick auf Geraldine Prime gerichtet. Unter ihr zog die Station ruhig ihre Bahn, als wäre dort unten alles so gewöhnlich wie immer. Vielleicht war es das sogar. Vielleicht auch nicht.
Sie ließ sich die Meldung noch einmal auf die Konsole legen. Eine Orca. Herkunft über Elysium Haven. Zwei Personen wahrscheinlich. Nicht viel. Aber genug.
Vor allem genug, um den Carrier aus der Schusslinie zu nehmen.
Citadel Geraldine mochte in ihrem eigenen Raum ein vertrauter Name sein. In einer Situation wie dieser war er vor allem eins: auffällig. Wenn jemand auf Geraldine Prime gezielt nach Verbindungen suchte, sollte der Carrier nicht in unmittelbarer Nachbarschaft hängen wie ein beleuchteter Wegweiser.
Sie gab den Befehl zur Verlegung noch am selben Abend. Kein großes Manöver, keine auffällige Hektik. Nur ein sauber geplanter Sprung in ein Nachbarsystem, weit genug entfernt, um nicht mehr zum unmittelbaren Umfeld der Station zu gehören, nah genug, um im Zweifel schnell wieder da zu sein.
Erst als Citadel Geraldine dort stand, wo sie sie haben wollte, machte Geraldine sich selbst auf den Weg.
Ein Shuttle kam nicht in Frage. Zu leicht zuzuordnen, zu nah an ihrer eigentlichen Position. Wenn sie nach Geraldine Prime flog, dann in einem Schiff, das im Stationsverkehr nicht weiter auffiel.
Wenig später stand sie im Hangar vor der ASP Explorer Elena.
Das Schiff war für solche Wege fast ideal. Unauffällig, verbreitet, robust. Keine Silhouette, die in einer Übersicht hängenblieb, kein Luxus, nichts Repräsentatives. Geraldine strich mit der Hand kurz über die kühle Außenhaut, dann stieg sie ein.
Vor dem Abflug hatte sie sich umgezogen. Dunkle Hose, schlichte Stiefel, ein grauer Hoodie über einem einfachen Shirt. Nichts daran war auffällig, nichts teuer, nichts, das jemanden zweimal hinsehen ließ.
Der Flug nach Geraldine Prime verlief ruhig. Trotzdem ließ sie während des Anflugs der Gedanke nicht los, dass es bereits zu spät sein könnte. Wenn jemand genau genug hingesehen hatte, war Citadel Geraldine womöglich längst registriert worden, bevor sie den Carrier verlegen ließ. Vielleicht war die Vorsicht rechtzeitig. Vielleicht auch verspätet. Jetzt ließ sich daran nichts mehr ändern.
Elena glitt in die zugewiesene Schneise, bekam ein Landepad und setzte sauber auf. Erst als Geraldine ausstieg und mit dem Strom anderer Ankömmlinge in die Station überging, zog sie die Kapuze hoch.
Geraldine Prime kannte sie besser als die meisten Menschen, die dort arbeiteten.
Nicht jeden Gang, nicht jede spätere Umbaumaßnahme, aber die Struktur unter der sichtbaren Struktur. Die älteren Versorgungsschächte. Die Wartungszugänge, die man in den öffentlichen Plänen nur als Funktionsflächen sah. Die Verbindungsebenen über dem Atrium, von denen aus man in offene Bereiche hinuntersehen konnte, ohne selbst sofort aufzufallen. Als die Station gebaut worden war, hatte sie an genug Entscheidungen mitgesessen, um zu wissen, wo man sich bewegen konnte, ohne gesehen zu werden.
Sie nahm keinen direkten Weg zur Bar. Stattdessen bog sie früher ab, nutzte einen schmaleren Korridor hinter einem Techniksektor, ließ eine Zugangssperre mit einem alten Administratorcode aufgleiten und stieg eine kurze Servicetreppe hinauf. Von dort führte ein verglaster Verbindungsgang an der Außenseite des Atriums entlang, halb Wartungsweg, halb stillgelegter Beobachtungsbereich. Das Licht war gedimmt, die Scheiben einseitig verspiegelt.
Genau richtig.
Sie war kaum dort angekommen, als ihr Armband leise vibrierte. Eine kurze Textmeldung, direkt und ohne jeden überflüssigen Zusatz. Von jemandem auf Geraldine Prime, dem sie vertraute.
Eine von den beiden aus der Orca sitzt unten in der Bar. Allein. Zweite Person derzeit nicht auffindbar.
Geraldine hob den Blick.
Unten, nahe der Sichtscheibe, saß tatsächlich eine Frau allein an der Theke. Ein Drink vor sich, ein Pad in der Hand. Die Haltung ruhig, kontrolliert, aber nicht entspannt. Keine unruhigen Bewegungen, kein zielloses Umschauen. Eher die Art Wachsamkeit, die sich nicht ständig beweisen musste.
Geraldine blieb im Schatten des Durchgangs stehen und beobachtete sie schweigend.
Also doch.
Nicht sicher. Aber nah genug.
Die Frau wirkte nicht wie jemand, der zufällig auf Geraldine Prime gestrandet war und sich die Zeit mit halbgarer Neugier vertrieb. Sie suchte. Gezielt, aber mit Maß. Und dass die zweite Person aus der Orca nirgends sofort greifbar war, machte die Sache nicht besser.
Noch ging Geraldine nicht runter.
Erst sehen, wie lange die Frau blieb. Ob jemand zu ihr kam. Ob sie offen fragte oder zunächst nur beobachtete.
Unten in der Bar hob die Fremde ihr Glas, nahm einen kleinen Schluck und wandte sich wieder dem Pad zu.
Geraldine blieb, wo sie war, den Blick ruhig auf sie gerichtet.
Die Nachricht hatte ihr Ziel also womöglich doch erreicht.
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