Kapitel 1 - Das Vermächtnis

Veröffentlicht am 5. Mai 2022 um 13:47

Das Vermächtnis

 

“Der gelbe Nebel lichtete sich etwas, und als das fahle Licht der drei Monde durch den dicken Vorhang drang, waren die drei Gestalten besser zu erkennen. Der Junge kauerte sich noch tiefer hinter den Stein, um nicht gesehen zu werden.

Ein tiefes Gemurmel war zu hören. Die drei Kleriker hatten die Hände ausgestreckt und hielten die flachen Handflächen in die Mitte des Steinkreises gerichtet. Ihre Kapuzen waren so tief ins Gesicht gezogen, dass man weder Augen noch irgendein anderes Merkmal erkennen konnte. In diesen fahlen Lichtverhältnissen wirkte es ohnehin, als wäre dort, wo ihr Kopf sein müsste, nur eine tiefe, schwarze Leere.

Das Gemurmel ging in einen leisen Singsang über. Ihre Hände zitterten. Der Junge meinte zu erkennen, dass sich der Boden bewegte; jedenfalls spürte er ein Beben im Untergrund. Dann setzten sich tatsächlich einige Steine in der Mitte der drei in Bewegung. Erst waren es nur Krümel, dann rollten immer mehr Steine beiseite, und schließlich öffnete sich ein Spalt. Die Erde wich zurück, und ein dunkler Block kam zum Vorschein. Er schob sich zitternd durch das Erdreich empor und wuchs dem Himmel entgegen. Er musste mindestens doppelt so groß wie ein Mensch sein und hatte in etwa die Kantenlänge einer Armspanne.

Der Junge konnte nicht viel erkennen, doch auf der Oberfläche schienen handtellergroße Kerben zu sein. Sie ergaben Formen. Die drei Männer hoben den Singsang an, er wurde lauter, und zu dem Grollen des Bodens kam Donner am Himmel. Über dem Hügel zogen sich Wolken zusammen, und es schien, als würde sich ein Gewitter bilden, das sich nur über dem Steinkreis entlud.

 

 

Dem Jungen fröstelte, doch er war gebannt von der Szenerie.

Die Männer senkten ihre Arme. Die Köpfe sanken noch tiefer, und der Singsang wurde leiser. Dann begannen die Zeichen auf dem Stein blau zu leuchten. Es schienen Worte oder Fragmente von Worten zu sein, geschrieben in einer Sprache, die längst niemand mehr sprach.

Plötzlich zuckte ein Blitz von oben und schlug direkt in den Stein ein. Der Block bebte, zuckte, und aus seinen Seiten strömte ein blaues Licht in die Kapuzen der drei Gestalten. Sie zuckten nicht; es wirkte, als würden sie das Licht in sich aufnehmen.

Mit einem Schlag wurde es still. Die Wolken verzogen sich. Das blaue Leuchten erlosch. Der Stein stand noch immer in der Mitte des Hügels – doch die drei Personen waren verschwunden.”

Der Mann schloss das Buch und legte es beiseite. Er zog die Decke über die Schultern seines Sohnes und strich ihm über das dunkelbraune Haar.

„So, oder so ähnlich muss es sich zugetragen haben, als unsere Urväter ihre Mission erhielten“, sagte er und lächelte müde.

Sein Sohn schaute ihn mit großen Augen an. „Ist das lange her?“, fragte er leise.

„Äonen. Lange bevor ich geboren wurde“, antwortete der Mann. „Und nun schlaf. Der Zirkel beschützt dich.“ Er löschte das Licht und übergab den Jungen dem Schlaf.

Die Geschichte des Zirkels von Tab’Ewon ist alt, aber sie wirkt noch immer nach.

Er verließ den Raum und schloss die schwere Tür hinter sich. Das Gemach war spärlich eingerichtet, nur das Nötigste war vorhanden. Man spürte, dass dieser Unterkunft die weibliche Hand fehlte. Seit seine Frau vor zehn Jahren bei der Geburt ihres Sohnes gestorben war, hatte er nicht mehr viel zustande gebracht.

Sein Vater war einst ein berühmter Kleriker des Zirkels gewesen. Einst reisten seine Ahnen durch die Galaxis, erkundeten neue Sterne und schrieben Geschichte. Nun war er der Vater, doch ihm war ein anderes Schicksal zugeschrieben worden als seinen Vätern – und so fügte er sich.

 

Er öffnete das Fenster, blickte in die Tiefe des Alls.

 

Und er erinnerte sich.

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