Kapitel 2 - Die Ankunft

Veröffentlicht am 6. Mai 2022 um 15:13

Die Ankunft

Januar 3308 - Hyperborea

 

Die kleine Cobra bestand nur noch aus Blechflicken, Nieten und provisorischen Schrauben. Er hatte sie tausendmal geflickt — und trotzdem flog sie. Manchmal fragte er sich, ob DeLacey sie so gebaut hatte, dass sie fast unkaputtbar war, solange man ihr nicht einen Strahlenlaser direkt in den Rumpf jagte. Auf jeden Fall hielt sie Einiges aus. Er strich sich über die dunkle Haut, schob die weißen Haare aus der Stirn und zog die alte Lederjacke fester. Kurs: der große Coriolis-Sternenhafen. Die blecherne Stimme der Flugsicherung riss ihn aus den Gedanken.

„DeLacey Alpha Echo Tango Seven Niner— automatische Flugkontrolle übergeben.“

 

Der Kleriker legte die Hände gelassen in den Schoß und ließ den Autopiloten übernehmen. Gegen die Dimensionen der Station wirkte seine Cobra winzig, wenn auch noch immer kleiner als ein Orbis oder eine Dodec-Station. Die grellen Lichter des sogenannten Mail Slots tauchten das Cockpit in geisterhaftes Licht und warfen zitternde Schatten. Die Cobra zuckte, fand dann ruhig das Landepad. Noch vor Wochen hatte er sich nach einem Stück Zivilisation gesehnt; jetzt ekelten ihn die Menschenmassen nur noch an — er war schlimmeres gewohnt nach all den Jahrtausenden in einer alten Blechbüchse.

Mit einem metallischen Krachen setzte die Cobra auf dem Landepad auf; der ganze Rumpf vibrierte kurz, als die Auflagearmen einklinkten. Durkanaam richtete sich langsam im Pilotensitz auf, seine Gelenke knirschten leise — Gewohnheit nach Jahrhunderten in engen Kabinen. Routiniert drückte er die Reihenfolge der Knöpfe zum Abkoppeln der Energiesysteme: Erst die Hauptsicherung, dann die Bordnetze, zuletzt die Navigationsmatrix. Die Instrumentenanzeigen erloschen nacheinander, und eine dichte, fast greifbare Stille legte sich über das Cockpit, nur unterbrochen vom entfernten Summen der Station.

Er schob die Handschuhe weg, fuhr die Rampe aus und roch sofort die vertraute Mischung aus Schmieröl, heißem Metall und recycelter Luft. Der Gang zur Luke fühlte sich länger an als er war; jeder Schritt hallte auf dem dünnen Bodenblech. Die Cobra mag winzig sein, doch verglichen mit der Rettungskapsel, in der er so viele Jahre abgesessen hatte, war ihr Innenraum purer Luxus: ein abgenutzter Sitz mit Federkern statt bloßem Polster, eine echte Ablagefläche, ein kleines Regal mit Werkzeugen und ein zerkratztes Fenster, durch das Lichtfetzen hereinfielen.

Draußen empfing ihn der halbverdeckte Hall der Coriolis-Station: Schichten von Passagieren, knirschende Rollbänder, der Geruch von synthetischem Kaffee. Er blieb einen Moment stehen, die Rampe noch halb offen, und ließ die Umgebung auf sich wirken — nicht aus Sehnsucht, eher aus der instinktiven Vorbereitung auf das Schauspiel der Menschen, das ihn gleich erwarten würde.

Die Station trug den Namen Casa Lofthuis — ein Etikett, das ihm wie ein Fremdwort vorkam, als hätten Menschen wieder einmal Klang über Sinn gestellt. Er blieb am Rand der Rampe stehen, die Hände in den Taschen der Lederjacke vergraben, und ließ den Namen an sich abprallen. Er musste sie warnen. Was er gesehen hatte, lag noch frisch in seinen Knochen: weit draußen, jenseits der bekannten Routen, waberte etwas im Dunkel — hungrig, groß, und unerbittlich. Es war dort, es würde kommen, und er hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Eine neue Heimat zu finden war nicht länger nur Wunsch, sondern Überlebenspflicht.

 

Die letzten Wochen hatte er damit verbracht, seine zerfetzten Kräfte zu kitten. Man hatte ihn aus einer Rettungskapsel geborgen, in der sich die Zeit wie Harz gezogen hatte; seine Muskeln hingen wie Seile, sein Geist war dünn wie Rauch. Auf Casa Lofthuis war er zwischen Marktständen und Reparaturhütten umhergeschlichen, ohne Aufsehen zu erregen, und hatte gesucht — nach Namen, nach Spuren seiner Gefährten. Einige von ihnen lebten noch. Viele nicht. Auf den langen Sprüngen durchs System hatten Asteroiden den Rumpf geöffnet, kosmische Strahlung Narben hinterlassen; die Leere hatte sich ihre Opfer geholt.

Dennoch — sie waren seine Familie. Die letzten Tausend der  TabEwon, verstreut und verwundet, eine verlorene Generation einer fast vergessenen Spezies. Das Gewicht dieser Verantwortung lag schwerer als jede Metallplatte seiner Cobra. Er spürte ihre Stimmen wie Flüstern in den Leitungen seines Verstandes: Überleben. Finden. Warnen. Und so würde er anfangen — hier, unter fremden Lichtern, mit staubigen Stiefeln auf dem Blechboden einer Station, die einen Namen trug, der nichts über ihr Schicksal sagte.

Er schritt langsam durch die gedämpften Gänge, bis das Atrium vor ihm aufging — ein wimmelnder Bienenstock aus Stimmen und Neon. Händler priesen verschlissene Ausrüstung an, Auftragstafeln blinkten mit missionierten Jobs, und ständige Zwischenrufe formten ein chaotisches Orchester. Auf der oberen Galerie hatten Apex ihre Taxidienste installiert, neben ihnen Frontline Solutions mit holprigen Rekrutierungsständen für Söldnereinsätze. Vorne dominierte eine breite Bar das Geschehen; dort drängte er sich durch die Menge und schob sich mit stoischer Ruhe zum Tresen vor.

Dank seines Helms blieb ihm der Gestank der Masse erspart — eine Decke aus Schweiß, Schmiermittel und billigem Parfüm, die andere Besucher brüsk zurückwich. Eigentlich hasste er Menschen. Es gab Augenblicke, in denen er sich wünschen musste, die alten Prophezeiungen würden sich erfüllen und die Galaxis mit einem einzigen, endgültigen Knall auseinanderreißen — samt all ihren Bewohnern. Sein Helm diente weniger dem Schutz vor Gerüchen als vielmehr dazu, seinen breiten Hut zu verbergen; die schwarze Visierfläche verschluckte sein Gesicht, und vielleicht war das besser so. Die Endlosigkeit in den Tiefen der Tak-Allawan hatte das einstige Blau seiner Augen zu einem tiefen Purpur verdichtet. Vor Leuten hätte das misstrauisch gemacht; man hätte mutmaßen können, er sei krank oder ein Abhängiger von Arenaaner Gras. Nur wenige wussten, dass er im Halbdunkel sehen konnte — eine Gabe, die er besser nicht zur Schau stellte.

Er lehnte sich mit dem Rücken an die Bar, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und bestellte nichts — er wollte nicht trinken, nur hören lassen. Dann begann er zu predigen, seine Stimme tief und monoton, so als trüge sie die Jahre in sich. Die Menge wich zurück; neugierige Blicke, missbilligende Schnitte, vereinzeltes Gelächter — doch bald bildete sich ein leerer Radius um ihn, als hätten unsichtbare Mauern die Zuhörer ferngehalten.

„Das Dunkel wird kommen. Hört die Wächter!“, rief er und hob die Arme, als wolle er die Decke der Station durchstoßen. Einige zückten komlinke, um die Szene festzuhalten, andere rümpften die Nase und zogen weiter. Dann aber blieb ein Mann stehen: in mattem, blauem Leder, langer Bart, kahl geschorener Scheitel — Siegfried Preuss, einer der Systemgouverneure der UGC, eine Präsenz, die Autorität ausstrahlte, ohne laut zu sein. Er trat ein paar Schritte näher, die Hände offen, höflich, aber fest.

„Welches Dunkel, werter Herr?“, fragte Siegfried in ruhigem Ton, auf diplomatische Weise bemüht, Verständnis zu zeigen — so, wie es seine Stellung verlangte. Der Prediger jedoch wich der Frage aus; seine Augen blitzten unter dem schwarzen Visier, die Stimme wurde schärfer, fast wie ein Befehl. Er antwortete nicht mit Worten, die aufklärten. Stattdessen stieß er nur das Wort hervor, wieder und wieder, als wäre es ein Gebet oder eine Warnung: „Tkallah! Tkallah!“ Die Silben hingen in der Luft und zogen kleine Risse in die Routine des Atriums. Sicherheitsleute an den Rändern rückten minimal näher; die Stimmung spannte sich an wie eine gespannte Feder.

Siegfried hörte das Lamento des Klerikers noch ein paar Minuten, dann zuckte er mit den Schultern, schüttelte den Kopf und stieg die Treppe zur Galerie hinauf. Er hatte sich zuvor mit dem Gouverneur von Hyperborea über Verwaltungsangelegenheiten abgestimmt; von diesem Kleriker hatte man gehört, aber mit ihm gesprochen hatte wohl noch niemand. Siegfried würde ihn im Auge behalten — ein Notizkranz in seinem Kopf, der später aktiv werden konnte.

„Beendet den Krieg! Hört auf die Worte der Wächter. Das Dunkel wird kommen!“, rief der Prediger weiter, doch die anfängliche Neugier verflog, und bald mischten sich seine Worte wieder mit dem Durcheinander aus Gelächter, Bietrufen und dem Klirren von Gläsern. Nach etwa zehn Minuten sank sein Eifer. Er senkte das Kinn, ließ die Schultern fallen und ging zum großen Panoramafenster. Durkanaam blieb am Tresen, die Hände hinten verschränkt, beobachtete die Schiffe, wie sie ein- und ausglitten — kleine, verletzliche Punkte gegen das Schwarz des Weltraums.

Eine Weile herrschte nur das beständige Rauschen der Station. Dann, leise wie Metall auf Metall, vernahm er eine Stimme an seiner Seite — nicht laut, aber direkt, als hätte sie die Stille persönlich geteilt.

„Denen, die die wirkliche Stille und Leere erfahren haben, glaubt man nicht.“ Die Stimme war ruhig, tief und gelassen. Durkanaam wandte den Kopf. Ein Mann Ende fünfzig stand neben ihm, schmal, mit schlohweißem Haar und einem kurzen, gepflegten Bart. Kein Helm, kein Hut — nur ein Gesicht, das viel gesehen zu haben schien. Der Kleriker nickte kurz, wortlos.

„Was treibt dich ins Gebiet der UGC?“, fragte der Fremde ohne Hast.

„Der… wer?“, antwortete Durkanaam überrascht; er verstand nicht, worauf der Mann hinauswollte.

„Die UGC. Du bist auf einer Station der UGC.“ Der Mann machte eine beiläufige Geste, die das geschäftige Atrium umfasste, als sei seine Anwesenheit hier so selbstverständlich wie Luft. Seine Augen musterten Durkanaam mit einer Mischung aus Neugier und mildem Spott, als wollte er prüfen, ob der Prediger nur verwirrt spielte oder wirklich verloren war.

Der Kleriker zuckte mit den Schultern. „Mag sein“, sagte er knapp.

„Mein Name ist Luther McKain. Ich bin der Gouverneur von Hyperborea“, stellte sich der Mann vor. Seine Stimme blieb ruhig, sein Blick offen. In seinen grauen Augen lag eine wache, kontrollierte Neugier, wie bei jemandem, der es gewohnt war, selbst nach Antworten zu graben, statt sie serviert zu bekommen. Nichts an ihm wirkte fordernd oder gierig; eher prüfend, als würde er jedes neue Gegenüber wie ein weiteres Puzzleteil in einem längst laufenden Rätsel betrachten.

Luther bot ihm einen Drink an, doch Durkanaam schüttelte nur den Kopf. Trotzdem setzten sie sich auf eine der freien Sitzgruppen am Rand des Atriums, halb im Schatten, mit Blick auf das Treiben. Luther saß locker zurückgelehnt, ein Arm über die Lehne gelegt, dabei aber mit der Aufmerksamkeit eines Strategen, der jedes Detail registriert. Während draußen Frachter andockten und Menschenströme an ihnen vorbeizogen, erklärte er, dass die UGC als Fraktion die umliegenden Systeme verwaltete, Handelswege ordnete, Konflikte moderierte.

Man habe bereits von Durkanaam gehört — sein Auftauchen, seine Predigten, seine Fragen nach verlorenen Schiffen waren nicht unbemerkt geblieben. Luther stellte Zwischenfragen, ruhig, nie drängend, doch stets so präzise, dass klar wurde: Er sammelte Puzzleteile, um ein eigenes Bild zu vervollständigen.

Sie redeten eine Weile; Luther skizzierte den Kodex der UGC, sprach von Stabilität, Freiheiten, Pflichten. Für den Kleriker klang es wie fernes Rauschen, höflich, aber belanglos gegen das, was ihn drängte. Schließlich wandte er sich Luther direkt zu, hob leicht die Hand und schnitt dessen Ausführungen ab.

„Wissen Sie, das alles ist vollkommen nebensächlich. Die Menschen hier, die Zivilisation, das, was Sie als Recht und Ordnung ansehen, wird bald ins Chaos stürzen. Sollten wir nichts unternehmen, wird uns das Dunkel verschlucken, wie es einst meine Väter verschlang.“ Seine Stimme klang ohnehin schon verzerrt unter dem Helm, doch diese Worte trugen einen Ton, der noch kälter wirkte, als würde Metall über Glas schaben. Luther zog langsam die Augenbrauen hoch, sein Blick wurde schärfer.

„Ich möchte Sie gern verstehen, aber ich kann mit diesem Omen wenig anfangen ohne einen weiteren Hinweis…“ Er ließ den Satz offen, tastend. Luther hatte bereits von den Predigten gehört: Der Kleriker war in mehreren Systemen der UGC aufgetaucht, hatte vom Dunkel gesprochen und von einer schlimmen Zeit, die kommen würde. Doch nie war er konkret geworden. Jede Bemühung, ihn in ein echtes Gespräch zu ziehen, war verpufft wie Rauch.

Sogar sein enger Freund Comparator hatte schon versucht, dem Fremden Informationen zu entlocken, ohne Erfolg. Durkanaam blieb vage, wich aus, und hinterließ nur Fetzen von Warnungen. In Wahrheit war er sehr genau darin, zu entscheiden, wann er mehr preisgab. Erst wenn er sicher sein konnte, dass er seinem Gegenüber vertrauen konnte, würde er die Schleier heben. Gerieten seine Worte in die falschen Hände, würden Panik, Machtgier oder Ignoranz alles nur noch schlimmer machen, als das Dunkel es ohnehin bereits versprach.

Beide Männer schwiegen eine Weile. Das Stimmengewirr des Atriums füllte die Lücke zwischen ihnen, während draußen ein Transporter vom Landepad abhob und sein Dröhnen kurz durch den Boden vibrierte. Dann sprach der Kleriker weiter.

„Ich mache Ihnen ein Angebot: Lassen Sie uns mit den besten Ihrer Forscher beraten, was Sie wissen. Vielleicht können wir dann eine Basis aufbauen, um weiter zu sprechen. Allerdings werde ich keine meiner Informationen dazu verwenden lassen, Ihre politischen Motive zu unterstützen.“

Luther presste die Lippen zusammen, dachte einen Moment nach. Man sah förmlich, wie er das Risiko gegen die Chance abwog.

„In Ordnung. Ich denke, das können wir machen.“

Er erhob sich, nickte kurz und entfernte sich von dem Fremden, ohne den Blick ganz von ihm zu lösen. Kaum außer Hörweite, zog er seinen Kommunikator hervor, tippte eine Sequenz ein. Einige Sekunden verstrichen, dann piepte es.

„Ja?“, meldete sich eine Stimme.

„Comparator, wir müssen reden“, sagte Luther knapp.

Der Kleriker verbrachte den Rest des Abends in seiner kleinen Cobra. Ein Zimmer auf der Station konnte er sich nicht leisten; außerdem fühlte sich das Schiff mehr nach Zuhause an als jede sterile Kabine, so klapprig es auch war. Im schummerigen Licht der Cockpitanzeigen lehnte er im Pilotensitz, die Füße auf dem Instrumentenblock, und ließ die vergangenen Wochen in Gedanken wieder aufleben.

Die Tak-Allawan war nur noch ein zerfetztes Gerippe im All, ein toter Koloss aus Metall und Erinnerung. Doch die Letzten hatten sich retten können, kurz bevor die Lebenserhaltung endgültig zusammengebrochen war. Etwa tausend Seelen waren dem Desaster entkommen — nicht mehr als ein Flüstern im Vergleich zu den zahllosen Generationen, die vor ihnen gelebt hatten. Nun lag es an ihm, die Überlebenden des Zirkels in Sicherheit zu bringen und irgendwo im bekannten Raum eine neue Heimat für sie aufzuspüren.

Doch seine Last endete nicht bei seinem eigenen Volk. Seine Vorgänger hatten ihm einen Auftrag hinterlassen: die Menschen zu warnen. Vor was genau, wusste er selbst nicht in allen Details. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, was der Tak-Allawan zugestoßen war oder welches Vermächtnis sie tragen sollten. Die Überlebenden des Generationenschiffs waren das Endergebnis einer langen Kette von Anpassungen, Mutationen, Entscheidungen, die sich alle in den geschlossenen Systemen des Schiffs abgespielt hatten.

Viele von ihnen hatten Jahrhunderte in Cryokammern verbracht, bevor auch dieses System versagte und die Kälteschläfer in eine brüchige, flackernde Realität entließ. Wie lange die Tak-Allawan unterwegs gewesen war, wusste niemand. Es gab nur die Geschichten der Ahnen, weitergereicht von Mund zu Mund, verschliffen von Zeit, Angst und Hoffnung. Je länger sie erzählt wurden, desto mehr hatten sie sich verändert. Was Wahrheit war und was Mythos, wussten nur die Alten — und die waren mit dem Ende der Reise gestorben.

Niemand würde vermutlich je wirklich herausfinden, was geschehen war. Durkanaam saß im Dämmerlicht seiner Cobra, gefangen zwischen einer Vergangenheit, die sich wie ein Rätsel anfühlte, einem Fluch der Zukunft, der wie ein Schatten vor ihm herlief, und einem Omen, das ihn in seinen Träumen verfolgte und dessen Gestalt er doch nie ganz zu fassen bekam.

Er ließ sich auf die schmale Pritsche fallen und legte den Kopf in die Hände. Die gedämpften Geräusche der Station drangen nur noch wie fernes Rauschen durch den Rumpf. Gedanken lösten sich und verloren sich im Nichts. Unendlich langsam glitt sein Geist vom Hier und Jetzt in eine Sphäre, die anderen verborgen blieb.

Die mentale Schulung des Zirkels erlaubte ihm, die inneren Grenzen zu überschreiten. Grelle Lichter zuckten an ihm vorbei, verwoben sich zu Strukturen, wieder zerfallend in Muster aus Formen und Farben. Sie traten zurück, wurden kleiner, bis nur noch eine leuchtende Scheibe übrig blieb. Eine Galaxie. Ihre Galaxie.

Nur der Mensch vermag zu glauben, in seiner Kleinheit über etwas derart Mächtiges herrschen zu können. Das, was hier wirkte, war anders. Größer, weiter, umfassender. Es spannte sich über Sterne, Systeme, Galaxien – und darüber hinaus über Raum und Zeit. Der menschliche Geist denkt in drei Dimensionen und begreift nicht, dass das eigentliche Geheimnis der Welt in der Zeit liegt.

Die Wächter mochten in dieser Zeit nicht sichtbar sein, doch ihr Vermächtnis reichte weiter als Ruinen und Steine. Sie waren hier – nur verstand es kaum jemand.

Die Scheibe begann sich zu verformen, streckte sich, bis sie ein Dreieck bildete. Die Ecken waren gegeneinander verdreht, so dass sich eine endlose Schleife ergab. Schwach, wie mit scheuer Hand gezogen, zeichnete sich ein blauer Kreis um den Rand des Dreiecks: der Zirkel. Der Zirkel war hier. Und er hatte eine Aufgabe. Das war das Vermächtnis.

Durkanaam zuckte zusammen. Die Vision hinterließ einen säuerlichen Geschmack auf seiner Zunge. Er öffnete langsam die Augen und ließ den Blick durch den beengten Raum seiner Cobra wandern, als müsse er sich erst vergewissern, wieder im Metallbauch seines kleinen Schiffes zu sein.

Er wusste, er musste Kompromisse machen, um Mitstreiter zu finden. Doch je länger er in die matte Verschalung der Kabine starrte, desto lauter nagte der Zweifel an ihm. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sich Luther zu öffnen — einem Menschen, verankert in Machtstrukturen, die er weder kannte noch durchschaute. Wenn der Gouverneur seine Worte missverstand oder für eigene Zwecke beugte, konnte aus einer Warnung ein Werkzeug werden. Durkanaam presste die Lippen zusammen. Vertrauen war notwendig, aber jedes Mal fühlte es sich an, als würde er eine weitere Sicherung aus einem ohnehin schon überladenen System ziehen.

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