Kapitel 3 - Beratungen

Veröffentlicht am 10. Mai 2022 um 14:28

Luther beeilte sich, so schnell wie möglich nach Brothers Vision im Wapiya-System zu kommen. Conparator hatte dort in den letzten Jahren sein Labor ausgebaut; auch die Aurora, sein Trägerschiff, lag hier vor Anker. Die wendige Krait bog in einem weiten Bogen ab und steuerte den massigen Rumpf des Trägers an. Eine raue, synthetische Stimme krächzte aus dem Lautsprecher, als er die Landeerlaubnis anforderte; die Bestätigung kam fast augenblicklich.

Wenige Augenblicke später setzten die Landebeine auf dem Rumpf der Aurora auf, ein dumpfes Vibrieren ging durch die Struktur, dann wurde es still. Luther schaltete die Systeme herunter, lauschte kurz dem Nachsurren der Kühlaggregate. In der Ferne zeichnete sich die Silhouette der Coriolis-Station ab — die Heimat der UGC, jener Gemeinschaft, die ihn damals aufgenommen hatte. Eigentlich war es Mike MithraelMan gewesen, der ihn überredet hatte zu bleiben, obwohl es ihn immer wieder hinaus in die Ferne zog. Und es war nicht nur Mike gewesen: Jack Bauer hatte ihn in den schlimmsten Tagen nach LUNAs Verschwinden regelrecht aus dem Sumpf der Trauer gezogen, ihn beschäftigt, ihn in Aufträge und Gespräche verwickelt, bis der Schmerz wenigstens erträglich wurde.

Er starrte einen Moment in die Leere. Vor über einem Jahr hatte er sie gefunden: LUNA. Und dann wieder verloren. Dieser Verlust war kaum zu ertragen — vor allem, weil er wusste, dass sie irgendwo da draußen sein musste. Ohne Mike und Jack, davon war er überzeugt, würde er noch immer ziellos durch das Dunkel zwischen den Sternen treiben. Stattdessen hatte er sich an die UGC gebunden, an ihre Station, ihre Leute.

 

Doch Mike war nun selbst verschwunden, spurlos. Seitdem versuchte Luther mit einer Handvoll Vertrauter, das Bild von Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber der Drang nach mehr, nach Antworten, nagte an ihm, und der Ruf des Unbekannten wurde mit jedem Tag lauter.

Einige Sekunden saß er reglos im Pilotensitz, dann atmete er tief durch, löste den Gurt und sprang auf. Mit schnellen Schritten eilte er die Rampe hinab, das metallische Echo seiner Stiefel hallte über das Deck der Aurora, während er den Weg zu Conparators Labor einschlug.

Die Tür, deren milchiges Glas keinen Blick ins Innere zuließ, öffnete sich mit einem leisen Zischen. Luther genoss auf der Aurora zwar größtmögliche Bewegungsfreiheit, doch es gab Zonen, die Conparator konsequent von allen anderen abschottete. Zu Recht, dachte Luther. Conparator war ohne Zweifel einer der brillantesten Köpfe, denen er je begegnet war.

Der etwa fünfundzwanzigjährige Forscher stand am Ende des runden Raumes, den Rücken zu ihm gewandt, vertieft in eine Projektion aus Datenströmen und Hologrammen. Schwarzes Haar fiel ihm wirr in die Stirn, sein hagerer Körper wirkte, als hätte er mehr Zeit in Schwerelosigkeit und vor Terminals verbracht als in einer Kantine. Die langen Finger huschten fast nervös über einem Eingabefeld, während seine Schultern leicht nach vorn geneigt waren, ganz auf die Daten fixiert. Er bemerkte Luthers Eintreten nicht. Erst als Luther ihm eine Hand auf die Schulter legte, zuckte er zusammen und fuhr herum.

„Ach du, hab ich mich erschreckt!“, stieß er hervor und atmete erleichtert aus.

„Hast du Fortschritte gemacht?“, fragte Luther ohne Umschweife.

„Was die letzten Informationen der Logs angeht, nicht unbedingt.“ Conparator wandte sich wieder den schwebenden Symbolen zu. Er arbeitete an der Auswertung verschlüsselter Logs, die sie während der Reise zum Beagle Point, in der Nähe von Colonia, aufgefangen hatten. Damals waren sie auf eine Nav-Boje gestoßen, in einem System, in dem eigentlich keine hätte sein dürfen. Sie sendete ein gleichmäßiges Signal, aber die Entschlüsselung erwies sich als zäh.

„Vielleicht müssen wir den Bereich dort oben noch einmal eingehender untersuchen“, murmelte er.

Luther seufzte. „Nicht noch mal Colonia. Außer Jacques’ Weinbrand finde ich es dort eben ziemlich langweilig.“

Conparator lachte kurz. „Verstehe.“

„Der Kleriker – ich habe mit ihm gesprochen!“

Conparator zuckte kurz zusammen. „Wirklich? Er hat mit dir gesprochen?“ 

Luther nickte.

„Ich denke, wir sollten uns seine Geschichte anhören. Ich kann ohnehin ein wenig Abwechslung vertragen. Seit Mike fort ist, ist hier einiges im Argen, und ich brauche mal einen Tapetenwechsel.“ Luther lehnte sich an einen der Labortische und starrte auf den Boden.

Conparator nickte langsam. „Ich verstehe, was du meinst. Lass uns Jack Bauer dazu nehmen. Wir sollten das intern klären.“

Luther schilderte, worüber sie gesprochen hatten, und Conparator hörte aufmerksam zu. Während sie redeten, kritzelte er immer wieder etwas auf einen Zettel, zog Pfeile, umrundete Begriffe, als wolle er die Worte des Klerikers in ein Muster zwingen.

„Ich würde vorschlagen, wir nehmen sein Angebot an und treffen uns mit ihm. Ich bin mir sicher, da ist noch mehr, was interessant sein könnte. Und die Tatsache, dass er uns angesprochen hat, zeigt wohl, dass er etwas von uns will. Also hören wir es uns an“, sagte Conparator und legte den Kopf leicht zur Seite.

Luther nickte. „Sicher. Sollen wir uns mit dem Rat besprechen?“, fragte er. Der Rat der UGC war das gewählte Gremium, das eigentlich über die Geschicke der Gemeinschaft entscheiden sollte. Seit Mikes Verschwinden war die Entscheidungsfreude der Ratsmitglieder jedoch auf das Nötigste, das rein Pragmatische, zusammengeschrumpft.

„Belassen wir es erstmal dabei. Bevor wir nicht wissen, was der Typ von uns will, müssen wir niemanden verrückt machen.“

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